Voll drauf einlassen

Wer das Dorfleben besser verstehen will, sollte einfach mitmachen. Wir haben es getan: im Schützenverein, in der Blaskapelle, beim Damensport und im Schweinestall.

Schützenverein

Den Wehrdienst hat Reporter Martin Pfaffenzeller verweigert, der Schützenverein in Werpeloh ließ ihn trotzdem an die Waffe – und bereute nichts.

Videos

Martin Pfaffenzeller
Lisa McMinn
Frederik Seeler
Benedikt Becker
Marius Buhl
Daniel Sippel

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Blaskapelle

Nachwuchsmangel? Vereinssterben? Nicht in Werpeloh. Unser Redaktionsleiter Benedikt Becker durfte die Blaskapelle dennoch einen Abend an der Posaune unterstützen.

Damengymnastik

Die Männer gehen in den Schützenverein, die Frauen zur Damengymnastik. So ist es in Werpeloh. Daran änderte auch Reporterin Lisa McMinn nichts. Ihr gefiel es dann aber ganz gut bei den Frauen um Petra Schmits.

Schweinestall

Reporter Frederik Seeler spricht Platt und beeindruckte damit die Menschen in Werpeloh. Auch die Tiere?

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Martin Pfaffenzeller
Lisa McMinn
Frederik Seeler
Benedikt Becker
Marius Buhl
Daniel Sippel

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Gülle, Inzest, Korn

Sie heiraten früh, fahren oft betrunken und wählen die CDU. Wer in der Stadt lebt, kennt diese Klischees über Dorfbewohner. Wir haben Werpeloher gefragt, was sie davon halten.

Video

Marius Buhl
Martin Eimermacher
Martin Pfaffenzeller

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Morgens halb acht in Werpeloh

Warum ist der Hof des Bürgermeisters so groß, wer ist schwanger, und von wem? Was einen wirklich interessiert am Dorf, ist doch der Klatsch. Ein Liveticker aus der Bäckerei.

Text und Optik

Florentin Schumacher

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Text und Optik

Florentin Schumacher

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Jetzt reden wir

Wie geht’s denn so? Sieben Frauen und Männer haben offenherzig geantwortet, vom Dorfältesten über einen Harley-Fahrer bis zu der Frau, die den längsten Schal der Welt gestrickt hat.

„Ich bin hier mit 90 Jahren der Dorfälteste. Aber wirklich alt fühle ich mich nicht, ich habe gar keine Zeit, alt zu sein. Mein ganzes Leben lang habe ich auf meinem Hof gearbeitet, den Kuhstall ausgemistet und Kälber aufgezogen. Damit höre ich ja nicht einfach so auf. Ich fahre immer noch Trecker. Ich schieße auch noch. 1949 kam ich aus der Kriegsgefangenschaft frei, genau an dem Tag, als in Werpeloh Schützenfest war. Zwölf Jahre später wurde ich dann selbst Schützenkönig. Ich bin hart im Nehmen. Bis auf ein bisschen Hinken geht es mir gut, deshalb gehe ich nicht zum Seniorensport, das sollen mal die richtig Alten machen.“

Lukas Lübbers ist zwar der Dorfälteste, aber um Rat fragen ihn die Werpeloher selten, sagt er. Und wenn doch, dann rät er ihnen: „Macht es so wie immer.“

Text und Optik

Steffi Hentschke
Stefanie Pichlmair
Frederik Seeler
Daniel Sippel

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„Meine Dirigentin hat mich gerade vor der gesamten Musikkapelle wegen meiner Schuhe zurechtgewiesen. Wir müssen bei unseren Auftritten alle die gleichen Outfits tragen, mit schwarzen Lackschuhen. Dummerweise sind meine kaputtgegangen. Das ist mir aber erst kurz vor dem Auftritt aufgefallen. Deshalb habe ich einfach meine hellbraunen Ballerinas angezogen, weil: Ist doch nicht so wichtig, oder? Meine Freundinnen finden eh, dass ich ein bisschen eine Rebellin bin, seit ich einmal im Zug eine Weintraube fallen – und einfach liegen gelassen habe. Seitdem machen wir immer unseren ironischen Witze darüber.“

Friederike ist 18 und wartet gerade auf eine Zusage für das Lehramtsstudium. Sie hat sich in Hamburg und Berlin beworben, will später aber gern wieder in Werpeloh wohnen.

„Ich habe nicht mehr lange bis zur Rente und lasse es ein bisschen ruhiger angehen. Deshalb fahre ich seit einer Weile eine Harley Davidson, nicht mehr die schnellen Rennmaschinen wie als junger Mann. Passend zum Chopper lasse ich mir den Bart stehen. Ich hoffe, der wächst bis zum Bauchnabel. Dann passt perfekt zu meiner Kutte: Ich bin Mitglied in einem Motoradclub in Meppen, wir heißen „Black Magic“. Der Name steht auf meiner Jacke, ab und zu fahre ich damit durch Werpeloh. Hier kennt sich ja jeder, aber in meinem Outfit und mit der Maschine drehen sich trotzdem alle nach mir um. Ich falle gern auf.“

Georg Freeks ist 58 und träumt davon, mit dem Motorrad an den Fjorden Norwegens entlang zu fahren. Seine weiteste Fahrt bisher ging nicht ganz so weit – bis in den Schwarzwald.

„Als ich erfahren habe, dass es Zwillinge werden, war das einfach nur ein Schock. Ich weiß noch, wie ich beim Arzt war und er sagte: ‚Da ist eins’ und ich dachte nur, ja klar ist da eins. Und er: ‚Na, ich bin noch nicht fertig!“ Ich wusste gar nicht, was ich denken sollte. Ich war mega überrascht, hatte aber auch totale Angst. Meine Schwester hat auch Zwillinge, auch Junge und Mädchen. Bei ihr ist das mit der Geburt nicht rundgelaufen, die Kleinen kamen zu früh und mussten zwei Monate im Krankenhaus bleiben. Deshalb hatte ich Sorge, ob meine beiden durchkommen. Aber es ist alles gut gegangen und freuen wir uns natürlich total über unser doppeltes Glück.“

Bettina ist 33 und für die Liebe aus Werpeloh weggezogen. Zusammen mit ihren Mann und den Kindern wohnt sie in einem Dorf in der Nähe. Zurück nach Werpeloh kommt sie trotzdem oft, hier fühlt sie sich immer noch zuhause.

„Ich habe vergangenes Jahr den längsten Schal der Welt gestrickt. Sieben Kilometer war er lang und reichte von unserem Haus bis in den Nachbarort.

Viereinhalb Jahre habe ich daran gearbeitet, jeden Tag ein paar Meter. Andere Leute schreiben Tagebuch, ich habe mit der Farbe der Wolle meine Gefühle und Stimmungen festgehalten. Der aufgerollte Schal war irgendwann so groß, dass er durch keine Tür mehr passte. Zum Glück haben wir unser altes Haus damals eh abgerissen, mein Mann ist dann mit dem Trecker durch die Wohnzimmerwand gefahren und wir hatten Platz.

Die Freiwillige Feuerwehr hat mir geholfen, den Schal auf einen Laster zu laden und in seiner ganzen Länge auszurollen. Hunderte Zuschauer waren vor Ort, sogar einige Fernsehteams. Ein Notar hat die gesamte Strecke abgemessen: 7203 Meter. Fast drei Kilometer länger als der alte Weltrekord. Trotzdem hat das Guinness-Buch meinen Erfolg nicht anerkannt. Ihnen fehlte ein durchgängiges Video der Ausmessung.“

Claudia Nieters ist 48 Jahre alt. Sie versucht jetzt, sich den Rekord von einem deutschen Rekordbuch anerkennen zu lassen. Der Schal ist mittlerweile in Einzelteile zerschnitten und wird in ihrem Hofladen verkauft. Die Einnahmen gehen an einen guten Zweck.

„Seit zwanzig Jahren führen mein Mann und ich den “Werpeloher Hof”, die letzte Kneipe im Ort. Unter der Woche haben wir kaum noch Gäste. Die Jugendlichen kommen nicht mehr. Die haben ihre eigenen Räume, ihre „Buden“. Drei, vier Jahre geht das schon so. Erst haben wir natürlich gedacht: Was haben wir falsch gemacht? Aber es ist einfach so. Man muss damit fertig werden. Wir leben jetzt vom Saalbetrieb. Geburtstage, Hochzeiten, Erstkommunion, diese Sachen. Das klappt, weil wir sparsam sind. Wir brauchen keinen Luxus, wir brauchen keinen Urlaub. Für meinem Mann und mich gibt es nur das hier.“

Renate Stevens ist 69 und erholt sich am liebsten in ihrem Garten. Aber höchstens zwei Stunden, länger kann sie nicht still sitzen.

„Ich habe mir mein erstes Tattoo mit 18 auf den Unterarm stechen lassen. Das war kurz nach meinem Geburtstag und ziemlich spontan. Das hat bestimmt ein paar hundert Euro gekostet und dann habe ich es nach einem halben Jahr schon wieder bereut. Mittlerweile habe ich das alte Tattoo längst überstechen lassen, und neue dazu gesammelt. Ich mag die Musik der Rolling Stones und deshalb auch Oldschool-Motive, Sterne und Schiffe und so. Ich will auch noch mehr Tattoos, auf der Brust zum Beispiel. Nur nicht mehr am Unterarm. Das ist einfach doof, wenn man bei Geschäftsterminen immer ein Hemd darüber anziehen muss. Aber gut, als Jugendlicher habe ich da nicht so richtig nachgedacht.“

Matthias ist 26 und studiert nach seiner Ausbildung zum Elektroniker Verfahrenstechnik in Osnabrück. Am Wochenende pendelt nach Werpeloh, weil hier die meisten seiner Freunde sind.

Text und Optik

Steffi Hentschke
Stefanie Pichlmair
Freddy Seeler
Daniel Sippel

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Mit ihm in die neue Zeit

Auch im tief katholischen Emsland muss sich die Kirche verändern. Wo der Priester-Nachwuchs fehlt, werden Seelsorger zu Managern. Keine einfache Mission für Pfarrer Horstmann.

Wenn Bernhard Horstmann mit seinem Audi durch das Dorf Werpeloh rollt, am Revers seines schwarzen Sakkos ein kleines Kreuz, dann kann er viele Hinterlassenschaften seines Vorgängers sehen: die Franziskus-Statue vor der Kirche, das indonesische Batak-Haus-Museum, das Kriegerdenkmal. All das hat Horstmanns Vorgänger geschaffen: Pater Matthäus, Kapuzinerbruder, 30 Jahre katholischer Dorfpfarrer von Werpeloh.

30 Jahre, in denen aus Matthäus Bergmann “unser Pater” wurde. Einer, über den die Werpeloher erzählen, dass er ihr Denken verändert habe. Das sagen sogar die, die ihn nur als Kinder erlebt haben. Ein Dorfheiliger.

Aber Horstmann, raspelkurze Haare, eckige Brille, kein Blatt vor dem Mund, sieht die Spuren seines Vorgängers Matthäus selten. Manchmal ist er tagelang nicht in Werpeloh. Er hat noch sechs weitere Gemeinden zu betreuen, alles in allem fünf Friedhöfe, sechs Kindergärten, 9500 Seelen, jährlich 110 Beerdigungen und noch einmal so viele Taufen. Er hat immer zu tun und selten Zeit.

Horstmann ist kein Dorfheiliger und er will auch keiner werden. Er ist die Antwort der katholischen Kirche auf die neue Zeit. Wo Priester fehlen und sich Kirchenbänke leeren, wo Einnahmen wegbrechen und Gemeinden zusammengelegt werden, da ist die Zeit der Manager gekommen. Die Zeit von Menschen wie Bernhard Horstmann.

Text und Optik

Robert Pausch
Stefanie Pichlmair
Jonas Schaible

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Es gibt nur ein Problem: Die Werpeloher hadern mit der neuen Zeit. Und sie hadern mit Bernhard Horstmann. Lieber erinnern sie sich an Pater Matthäus, an eine Zeit, als der Pfarrer mal eben in die Küche platzte und das Abendbrot segnete. Kirche und Dorf, das war einmal eine untrennbare Einheit – und heute?

Horstmann gibt Gas. Er hat einen Termin in einem Kindergarten im Nachbardorf Sögel, vier Kilometer von Werpeloh entfernt. 30 Minuten hat er für das Gespräch eingeplant. “In der Woche habe ich 40 bis 45 Stunden mit Kundenkontakt”, sagt er. Dazu kommt Arbeit zu Hause, etwa 50 Stunden sammeln sich über die Woche an.

Sein Vorgänger Pater Matthäus musste nicht streng planen, als er 1973 nach Werpeloh kam. Er konnte flanieren, hämmern, sägen, plaudern. Er war in vielem kein typischer Geistlicher. Geburtstagsbesuche erledigte er gern im Blaumann; er glaubte an Außerirdische und zog einmal für eine Woche ins Moor, um sie willkommen zu heißen, wie ein Freund freimütig erzählt; er sandte Bauern aus, um magische Findlinge zu suchen, die er zu einem Steinkreis anordnete; er ließ schon früh Messdienerinnen zu und stand dem Zölibat kritisch gegenüber. Obwohl es also genug gab, um sich an ihm zu reiben, nahm er das Dorf schnell für sich ein. Charismatisch nennen ihn fast alle. Einen Menschenfischer manche.

Einige Geschichten über Matthäus klingen fast biblisch. Einmal soll eine Frau zu ihm gekommen sein, schwanger mit Zwillingen, die Ärzte sollen aus medizinischen Gründen zur Abtreibung geraten haben. Nicht nötig, ich sehe die Kinder in deiner Küche spielen, habe Matthäus gesagt. Und so sei es gekommen. Als er selbst schwer krank wurde, pflegten ihn die Männer des Dorfes über mehrere Monate hinweg im Schichtdienst, trugen den greisen Mann ins Bett. Zu seinem Tod gravierten die Werpeloher Matthäus’ Autokennzeichen in eine Gedenktafel: EL – MT 28. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Selbst im Priestergewand hat Horstmann sein Handy dabei.

Horstmann ist für 9500 Katholiken zuständig.

Horstmann kann mit Menschen – er will nur nicht immer

Bernhard Horstmann sieht sich selbst als Manager.

Fünf Jahre nach Matthäus’ Tod kam Bernhard Horstmann in die Pfarrgemeinschaft Sögel. Dass er die Werpeloher aufforderte, sich von ihrem alten Pater abzunabeln, tragen ihm einige immer noch nach. “Mein Fall ist er nicht”, ist auch deshalb eine häufige Werpeloher Antwort auf die Frage nach Horstmann.

In Sögel steigt Horstmann aus dem Wagen und eilt in den Kindergarten. Mit zwei Erzieherinnen bespricht er das Programm für eine Kindermesse. Eine der Frauen sagt: “Ich habe einen Text aus der Kinderbibel fürs Evangelium rausgesucht, ich hoffe, der ist Dir nicht zu… naja, ist halt kindgerecht, weißt du?” –  “Ja… ja…”, sagt Horstmann. Wenig später, noch während sie die letzten Details klären, rafft er seine Unterlagen zusammen.

“Ich bin kein Saure-Gürkchen-und-Tomaten-Pfarrer”, sagt Horstmann, obwohl er plaudern kann, wenn er will, und scherzen sowieso. “Aber ich ertrage es nicht, wenn es zu tüddelig wird.” Seine Termine pflegt er in seinem Smartphone. Er sagt “ich ticker dir das rüber”, wenn er Nachrichten verschickt. Ein Manager, so sieht er sich. Nur so kann er sieben Gemeinden, ja, was? Koordinieren? Verwalten? Im Griff halten?

Großgemeinden wie seine gibt es erst seit kurzem. Noch vor 20 Jahren hatte jedes Dorf im Umkreis einen eigenen Geistlichen. Aber überall in Deutschland werden die “pastoralen Räume” vergrößert, wie es in der Verwaltungssprache der Amtskirchen heißt. Von 2008 bis 2018 soll im Bistum Osnabrück, in dem Werpeloh liegt, die Zahl der Pfarrgemeinden von 250 auf 72 schrumpfen. Vor allem, weil es keinen Nachwuchs gibt.

Seit Jahren werden weniger und weniger Priester geweiht. Dieses Jahr fand im Bistum erstmals keine einzige Weihe statt. Überall füllen Pfarrer aus dem Ausland die Lücken. Auch in der Pfarreiengemeinschaft um Werpeloh hilft seit Jahren ein Pater aus Indien. Dazu kommen derzeit drei Diakone, zwei Pastoralreferenten und ein Pfarrer im Ruhestand. Aber sie alle kümmern sich um alle Gemeinden. Niemand ist heute nur für Werpeloh da.

So viele katholische Priester wurden in Deutschland geweiht.

Noch 1971 bekam Werpeloh eine neue Kirche. 500 Leute fasst der flache Rundbau – jeden zweiten Werpeloher. Doch der Platz wird nicht mehr gebraucht, denn die Bindung an die Kirche hat nachgelassen. Sogar hier, im Emsland, diesem Zentrum der katholischen Gegenkultur, wo sich vor 150 Jahren ein Netz des Widerstands gegen das protestantische Preußen bildete. Noch immer zählt die Landjugend in Werpeloh an die 300 Mitglieder, der katholische Sportverein 250. Aber auch hier leeren sich die Kirchenbänke.

So verstärken sich die Mängel: Weil weniger zur Messe gehen und weniger Priester geweiht werden, muss ein Pfarrer immer mehr Gemeinden versorgen. Die Gläubigen fühlen sich vernachlässigt und kommen seltener zur Messe. Mit Wehmut erinnern sie sich an einen wie Pater Matthäus, der immer da gewesen sei.

Noch als Matthäus im Rollstuhl saß, habe er darauf bestanden, so weiterzumachen wie bisher. Ich bin doch für die Menschen da, habe er gesagt. Auch daran soll er kaputt gegangen sein.

An einem heißen Vormittag steht Horstmann in Sandalen auf der Wiese neben der Kirche. Um ihn ein Kreis von Kindern und Jugendlichen, auf dem Weg ins Pfingstlager. Horstmann geht herum, in der Hand ein Gefäß mit Weihwasser, und segnet alle. Die Kleinen quieken, wenn sie das Wasser trifft. Die Älteren schauen bemüht ungerührt. Und zucken dann doch kurz. Horstmann lächelt. Es macht ihm sichtlich Freude.

Er, der auch als Notfallseelsorger arbeitet, sagt: “Die Leute finden immer, der Pastor müsse mehr Seelsorge machen, dabei bin ich ja dauernd unterwegs.” Bei 9500 Menschen könnte er sich wundlaufen und bis zur Erschöpfung aufreiben, sie würden es nicht einmal merken.

Er schuftet, aber er gibt sich nicht selbst auf dabei. Im Fitnessstudio trägt er Ohrstöpsel, damit ihn niemand anspricht. Einmal die Woche hat er einen Termin mit sich selbst und seiner Wasserpfeife. Er steht sogar im Kalender. Zwei Stunden Ruhe. Dann hört er am liebsten Peter Fox. Seine Mitarbeiter ermuntert er, auf sich zu achten und auch mal Urlaub zu nehmen.

Barfuß: Manche nennen ihn Menschenfischer

Magische Findlinge: Matthäus’ war auch naturreligiös

Die Kinder von damals erzählen heute begeistert von Matthäus

Man könnte sagen, Horstmann ist ein Technokrat im Talar. Man könnte aber auch sagen: Horstmann ist genau das, was die katholische Kirche gerade braucht. Auf jeden Fall ist er das, was sich die Kirche gerade wünscht. „Wir arbeiten an einer Leitungskultur auch auf Basis der aktuellen Managementforschung“, sagt die Leiterin der Seelsorge im Bistum Osnabrück. Besonders wichtig dabei: eine „postheroische Führung“. Künftig könnten  Priester womöglich sogar einzelne Gemeinden nur noch „begleiten“, nicht mehr „leiten“. Für Horstmann heißt das, auch Laien müssen Verantwortung übernehmen. „Kirche muss sich von Hierarchien lösen“, sagt er.

Wenn Horstmann so redet, hört sich das alles sehr schlüssig an, zeitgemäß, immer realistisch. Nur nicht spirituell. Klingt so Kirche heute?

Am Pfingstsonntag 2017 feiert Horstmann seine Silberhochzeit. So nennt er sein 25-jähriges-Weihejubiläum. Zur Feier hat er alte Weggefährten und Verwandte nach Sögel geladen, den Nachbarort von Werpeloh. Im zweistündigen Gottesdienst spielt die Musikkapelle, zwei Chöre singen. Die Kirche ist voll. Menschen tragen Sonntagskleidung: die Frauen Halstuch, die Männer Krawatte.

Zu Beginn erwähnt einer der Pfarrer, die gemeinsam die Messe halten, die Pfingstgeschichte. In der Bibel heißt es: “Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.” So sei es auch hier. Wie schön, dass die Gemeindemitglieder zusammengekommen seien, um die Weihe von Pastor Horstmann zu feiern.

Die Messe in Sögel läuft noch, als in Werpeloh die Glocken zum Sonntagsgottesdienst läuten. Um elf Uhr, wie immer. Die Bänke sind ordentlich gefüllt. Egal, was im Nachbarort passiert.

Text und Optik

Robert Pausch
Stefanie Pichlmair
Jonas Schaible

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Neue Bauernregeln

Auch im Emsland geben viele Landwirte auf. Milchbauer Heckmann und sein Nachbar haben durchgehalten – mit ganz verschiedenen Strategien. Nur einer von ihnen wird überleben.

Wenn in Werpeloh der Tag anbricht, steigt Wilhelm Heckmann in seine Gummistiefel, lehnt sich Hans-Georg Geers in seinem Ledersessel zurück. Heckmann, graue Locken und Dreitagebart, muss jeden Morgen in den Kuhstall. Geers, Kurzhaarschnitt und kariertes Hemd, muss nur eine App öffnen. Darüber regelt er Futterzufuhr und Raumtemperatur in seinem Schweinestall.

Draußen, vor den Höfen der beiden im alten Ortskern, steht noch immer eine Allee alter Eichen. Sie sind übrig geblieben aus einer Zeit, in der Werpeloh im Emsland ein Bauerndorf war. Die Höfe aber, die Ställe, die Technik, die Arbeit, all das hat sich in den vergangenen Generationen extrem verändert.

Früher lebte das Dorf vorwiegend von Roggen und Weizen, Kühen und Schweinen. 1950 existierten noch 74 Höfe, seitdem gibt ein Bauer nach dem anderen auf – so wie überall in Deutschland. Heckmann und Geers gehören zu den letzten 15 Landwirten im Dorf. Beide sagen: In zehn Jahren wird es nur noch fünf, sechs Bauern geben. Beide ahnen: Nur einer von ihnen wird überleben.

Text und Optik

Marius Buhl
Susan Djahangard
Steffi Hentschke
Jonas Schaible

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Heckmann und Geers, 55 und 57 Jahre alt, stammen aus Bauernfamilien mit jahrhundertelanger Tradition. Früher lebten die Bauern allein im Rhythmus der Natur. Säen und ernten, mästen und schlachten. So war es noch, als Heckmann und Geers Jungbauern waren. Sie wussten alles über die Abhängigkeit von der Natur: Trockenheit, Missernten, Seuchen, damit waren sie vertraut. Nicht vertraut waren sie mit der zunehmenden Abhängigkeit von der Politik.

Geers’ Familie hatte von allem etwas, Kühe, Schweine, Hühner. In den 1960er Jahren spezialisierte sich Vater Geers auf Schweinemast. Er war vorbereitet, als Supermärkte aufkamen und Schinken, Wurst und Koteletts jederzeit für alle verfügbar sein sollten. Heute hält Hans-Georg Geers 4000 Tiere, gehört zu den größten Schweinebauern im Dorf. Die Voraussicht seines Vaters hat ihn geprägt: „Als Landwirt und Unternehmer bleibt man nie stehen, es geht immer weiter.”

Wilhelm Heckmann beim täglichen Melken. Er ist einer der letzten Milchbauern in Werpeloh.

Heckmanns halten seit jeher nur Kühe. Nach der Schule stand Wilhelm Heckmann bei seinem Vater im Stall, massierte den Tieren die Beine, putzte die Euter. Heckmann erinnert sich gut an diese Zeit, in der es in Werpeloh noch eine eigene Molkerei gab. 1974 bauten er und sein Vater einen neuen Stall für die 70 Tiere. In einem Herdenbuch kann er nachlesen, welche Kuh von welcher Kuh geboren wurde – seine Tiere sind die Nachkommen der Tiere seines Vaters. „Ich hänge an den Kühen, das ist nicht so anonym wie mit den Schweinen. Du kennst deine Tiere, deinen Stall.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg päppelte die Politik die Landwirtschaft mit Zuschüssen auf, um schnell unabhängig von Lebensmittelimporten zu werden. Bald produzierten die Landwirte zu viel, vor allem zu viel Milch. 1984 führte die EU eine Quote ein: Ein Bauer durfte nur noch eine bestimmte Menge Milch verkaufen, bekam dafür aber einen Mindestpreis garantiert. Das sicherte auch Heckmann ein solides Einkommen.

Wenige Jahre später suchte die Bundesregierung nach Alternativen zu Öl und Gas und begann, erneuerbare Energien zu fördern. Das sprach sich auch in Werpeloh herum. Anfang der 1990er Jahre überlegten die ersten Bauern, Windräder auf ihre Felder zu stellen. Aber nur zwei Landwirte wagten das Experiment, mit Erfolg. Die Räder machten kaum Arbeit, brachten viel Geld. Schweinemäster Geers wollte nachziehen, doch die Gemeinde genehmigte keine weiteren Anlagen. Er schwor sich: „So eine Chance verpasse ich nicht noch einmal, wenn es um regenerative Energien geht!“

Hans-Georg Geers vor der Biogasanlage. Die Hälfte seiner Einnahmen gewinnt er aus Strom und Wärme.

Dabei waren die Zeiten für die Bauern nicht schlecht. Auch nicht für Milchbauern wie Heckmann, die durch die Quote vor zu hartem Konkurrenzkampf geschützt waren. Er machte weiter wie immer, während sich seine Branche langsam veränderte. Zunehmende Nachfrage aus Asien ließ die Milchpreise steigen. Die EU lockerte die Quote, öffnete den Markt, die Preise fielen. Das Wettrennen begann. Wenige expandierten, viele mussten schließen.

In Brüssel kippten Bauern ihre nun wertlose Milch den Politikern vor die Füße. In Berlin schaffte die Bundesregierung neue Anreize für den Ausbau erneuerbarer Energien. Jetzt schlug auch Schweinemäster Geers zu. Mit einem Nachbarn ließ er eine Biogasanlage bauen. Aus Gülle und Mais entstehen darin Strom und Wärme. Heute sichert die Anlage Geers fast 50 Prozent seiner Einnahmen. “Für uns ein wichtiges zweites Standbein“, sagt er. „Besonders in den letzten Jahren, die schwierig waren für uns Schweinebauern.“

Heckmann hätte auch gern eine Biogasanlage gehabt. Dafür hätte er sich mit anderen Bauern zusammenschließen müssen, weil er allein weder genug Gülle noch genug Mais produziert. Noch immer träumt er von einer Anlage, kleiner als die von Geers, die er sich mit den anderen beiden Milchbauern im Dorf teilen könnte. Gefragt, ob sie Interesse haben, hat er sie nie. Mittlerweile fördert die Bundesregierung neue Biogasanlagen kaum noch.

Manche der Werpeloher Bauern, die nun verschwunden sind, hätten es womöglich gemeinschaftlich geschafft: durch geteilte Investitionen und geteilte Risiken. Zum Beispiel durch Biogasanlagen, die sie gemeinsam betreiben. In anderen Orten gibt es das, in Werpeloh nicht. Vielleicht fehlte der Wille, vielleicht die Gelegenheit.

Heckmann bleibt nur eine Möglichkeit um seinen Hof zu retten: Er muss investieren, in eine geteilte Biogasanlage und einen modernen Stall mit Melkroboter. Mit einem Kredit könnte er sich das leisten, 42 Hektar Ackerland hat er, für die Bank eine Sicherheit. Äcker im Emsland sind extrem teuer. Biogas-Bauern wie Geers bestellen große Felder, um ausreichend Mais für die Gärung zu ernten. Damit haben sie die Pachtpreise in absurde Höhen getrieben. In einem modernen Stall würden sich Heckmanns Kühe wohler fühlen, mehr Milch geben, der Roboter würde effizienter melken. Mehr Milch hieße für ihn mehr Geld. Aber ein hoher Kredit mit langer Laufzeit? Jede vernünftige Bank würde ihm davon abraten. Er will in acht Jahren in Rente gehen und er hat keinen Nachfolger. 200 Jahre Familientradition, Milchbauer Heckmann wird sie wohl beenden. „Der Gedanke ans Aufhören schmerzt sehr”, sagt er.

Biogas-Bauer Geers sagt, es sei jedes Mal ein Schock, wenn einer von ihnen aufgeben müsse. Er sagt auch, dass er noch mehr Mais anbauen wolle und deshalb noch mehr Flächen brauche. Er will weiter wachsen. Und das geht nur, wenn noch mehr Bauern weichen.

Text und Fotos

Marius Buhl
Susan Djahangard
Steffi Hentschke
Jonas Schaible

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Werpeloh in Zahlen

Im Dorf werden Kinder geboren, Patronen verschossen und Bienenvölker gehalten. Aber wie viele eigentlich? Was die Statistiken über Werpeloh erzählen.

Kommen und Gehen (2016)

Geburten: 15

Todesfälle: 12

 

Schützenverein

Mitglieder: 130, davon 20 Frauen

Gefeuerte Patronen pro Jahr: 5000

Schützenkönige bisher: 121

 

Tiere im Dorf

Text und Optik

Susan Djahangard
Martin Pfaffenzeller

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1883

2017

Anzahl der Seiten in der Dorfchronik:

Über Hügelgräber: 20

Über die Feuerwehr: 16

Über Windmühlen: 12

Über die Zeit zwischen 1933–1945: 11

 

Verkehr

Bushaltestellen: 3

Erster Bus unter der Woche: 7.25 Uhr

Letzter Bus: 17:37 Uhr

Bundestagswahl 2013 (Zweitstimmen)

Religionszugehörigkeit

Katholiken: 916

Protestanten: 98

Ohne Angabe: 160

 

Familien mit mehr als zwei Kindern pro Haushalt

In Werpeloh: 15,2 %

In Deutschland: 5,4 %

 

Bevölkerungsdichte

In Werpeloh: 29 Einwohner pro Km²

In Deutschland: 230 Einwohner pro Km²

 

Ärztliche Versorgung

Hausarzt: 0

Tierarzt: 1

Text und Fotos

Susan Djahangard
Martin Pfaffenzeller

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Boooooom

Was für einen Musikgeschmack hat das Dorf? Wir haben uns bei „Spotify“ die örtliche Playlist geholt. Hier sind sie: die 15 meistgespielten Songs von Werpeloh!

Idee

Markus Sehl

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Unser Dorf, unsere Welt

Sie gingen in den gleichen Kindergarten, in die gleiche Schule. Für ihre Ausbildung zogen die vier Freunde fort. Nun kehrten alle zurück. Sie können nicht ohne das Dorf. Warum?

Theresa, Lena, Petra und Sebastian sind Freunde. Sie sind in Werpeloh geboren, besuchten denselben Kindergarten und fuhren mit demselben Bus zur Schule. Mittlerweile sind sie Ende Zwanzig. Für ihre Ausbildung zogen sie weg, doch sie kamen alle wieder zurück. Heute haben sie Partner und bauen alle in derselben Straße. Hier wollen sie alt werden.

Wir sitzen in Petras Garten. Auf dem Grill liegen die letzten Würstchen, es gibt Bowle aus einer Tupperschüssel.

Text und Optik

Lisa McMinn
Stefanie Pichlmair

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Wie habt ihr vier euch kennengelernt?

Theresa: Wir haben uns nicht kennengelernt. Wir kennen uns seit wir denken können. Wir kennen uns schon immer.

Petra: Wir waren zusammen im Kindergarten. Es gab zwei Gruppen, die Igel und die Spatzen. Mein Raum war vorne, die anderen drei waren hinten.

Sebastian: Die Coolen waren hinten. Wie im Bus.
Lena: Zwischen Sebastians und meinem Elternhaus lag nur eine Weide, das waren vielleicht 20 Meter. Wir haben immer gesagt: Genau da bauen wir später zusammen ein  Haus und jeder bekommt eine Hälfte.

Sebastian: Und einen Pool.

Theresa: Sebastian! Ich war doch diejenige, mit der du bauen wolltest! Einen Bauernhof!

Sebastian: Im Kindergarten war man doch täglich in jemand anderen verliebt, oder?

Lena (l.): „Früher haben wir uns alle vier Wochen getroffen und uns gesagt, was wir aneinander scheiße finden.“

Petra und ihr Mann haben am Rande Werpelohs ein Haus gebaut. Bald bekommen sie ihr zweites Kind.

Sebastian und seine Mädels: „Im Kindergarten war man doch täglich in jemand anderen verliebt, oder?“

Der Caipirinha aus der Tupperschüssel ist heute alkoholfrei.

Nach der Grundschule kamt ihr in verschiedene Klassen. Habt ihr dort neue Freunde kennengelernt?

Theresa: Ja, aber das war nicht das Gleiche. Das ist kein Freundeskreis, mit dem man sich jetzt noch trifft.

Petra: Wir haben uns damals jeden Freitag getroffen. Am liebsten haben wir Miniplaybackshow gespielt. Dann waren wir die Spice Girls.

Theresa: Ich war Emma.

Petra: Ich war Sporty Spice.

Lena: Ich war lieber Blümchen.

Sebastian: Ich hab mich da rausgehalten.

Was unterscheidet eure Dorffreundschaft von anderen Freundschaften?

Theresa: Werpeloh hält zusammen. Schon als wir Kinder waren, hieß es immer: Werpeloh gegen den Rest der Welt.

Petra: Werpeloh gegen die Nachbardörfer. Nur leider haben die immer gewonnen.

Lena: Alle aus einem Jahrgang gehen zusammen zur Schule, fahren zusammen ins Zeltlager, man wird Messdiener und Landjugendmitglied. Das passiert automatisch. Als Erwachsener geht man dann in den Sportverein oder ins Blasorchester. Ich spiele immer noch Querflöte dort.

Theresa: Du kannst dich da natürlich aus allem raushalten. Aber dann passiert auch nichts, dann fehlt dir das Gefühl, das wir teilen. Die Dorfgemeinschaft. Jemand, der hier nur sein Haus stehen hat, jemand, der hier nur schläft – der kennt das nicht.

Habt ihr euch mal zerstritten?

Lena: Früher haben wir uns alle vier Wochen getroffen und uns gesagt, was wir aneinander scheiße finden.

Theresa: Aber wenn du deine Freundschaft durch die Pubertät gebracht hast, dann bleibt sie.

Für eure Ausbildung habt ihr Werpeloh verlassen. Was habt ihr vermisst?

Theresa: Nichts. Ich habe in Oldenburg studiert, aber ich war nie richtig weg. Spätestens Freitagabends um halb neun saß ich im Jugendheim.

Sebastian: Andere gehen nach dem Abi in die Stadt, ich bin für fünf Jahre in den Nachbarort gezogen.

Petra: Ich habe in Leer, einer kleinen Gemeinde in Ostfriesland, eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht. Das war gar nicht meins. Da klappen sie abends die Bordsteine hoch.

Aber hier doch auch!

Lena: Nein. Wir hatten doch uns. Wir haben uns jeden Abend getroffen. Zur Musikprobe, zum Chor, zum Fußball. Selbst wenn es nur zum Fernsehen gucken war.

Die Altersverteilungen von Werpeloh und Deutschland: Im Dorf gibt es auffallend viele Menschen, die jünger sind als 30 Jahre.

Jetzt wohnt ihr alle in einer Straße. Petra kann durchs Küchenfenster in Lenas Wohnzimmer schauen. Ist euch das nicht zu eng?

Theresa: Man überlegt natürlich schon. Die ganze Clique auf einem Haufen – ist das wirklich gut? Aber ich glaube, bei uns wird das kein Problem. Es wohnen ja auch noch Leute dazwischen. So wie Gertrud, die heute für uns die Kräuterbutter gemacht hat.

Lena: Bisher fühlt es sich nicht zu eng an. Ein paar Sögeler wohnen hier ja auch, Leute aus dem Nachbardorf, nicht nur Bekannte.

Petra: Für mich ist das einfach nur praktisch, das Babyfon reicht bis auf Lenas Terrasse. Wir sind hier füreinander da. Bei einem richtigen Werpeloher kannst du nachts klingeln, der macht dir die Tür auf und lässt dich bei ihm übernachten. Ich könnte niemals nicht die Tür aufmachen.

Soll euer Leben jetzt so bleiben – für immer?

Lena: Ja. Wir haben unser Haus ebenerdig gebaut, damit wir auch im Alter noch darin wohnen können.

Petra: Wer hier ein Haus baut, der bleibt. In Werpeloh ist es immer für immer.

Gruselt euch das nicht?

Theresa: Was? Hier zu sterben? Auf gar keinen Fall. Ich habe bisher mein ganzes Leben in Werpeloh verbracht. Ich will ja nicht irgendwo anders liegen. Natürlich gibt es Nachteile am Leben in so einem kleinen Ort. Die Leute reden halt, aber das gehört dazu.

Lena: Trinkst du keinen Alkohol, bist du automatisch schwanger.

Macht ihr euch nie Sorgen, dass eure Welt zusammenbrechen könnte?

Theresa: Die Frage verstehe ich nicht. Warum sollte ich mir darüber jetzt Gedanken machen? Da könnte ich ja keinen Schritt mehr vor die Tür machen.

Würde eure Freundschaft auch in der Stadt funktionieren?

Sebastian: Freundschaften auf dem Dorf sind viel intensiver.

Theresa: Als ich in Oldenburg studiert habe, da konnte ich nicht nach drei Wochen Mädels zur Begrüßung in den Arm nehmen und sie als beste Freundin bezeichnen. Das war doch überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, was ich hier hatte.

Lena (o.l.), Sebastian (o.r.), Theresa (u.l.) und Petra (u.r.) kennen sich schon seit dem Kindergarten.

Text und Optik

Lisa McMinn
Stefanie Pichlmair

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Der Kampf um die Krone

Jedes Jahr im Juni kämpfen die Männer von Werpeloh um das wichtigste Amt des Dorfes. Jeder möchte einmal Schützenkönig sein. Hinter verschlossenen Türen treten sie gegeneinander an. Es gewinnt nicht immer der beste Schütze.

Ein letztes Mal tritt der alte König von Werpeloh vor sein Volk. Auf seinen Schultern ruht die Amtskette, mehr als 15 Kilo Silber, einen Orden für jeden seiner Vorgänger. Schon morgen wird er die Insignie seinem Nachfolger übergeben, doch an diesem Sonntagnachmittag gebührt der Ruhm noch ihm, Martin Schmitz, dem Ersten. Kompanien aus 13 Nachbardörfern und das Werpeloher Blasorchester sind auf dem Sportplatz angetreten, knapp 1000 Männer in ihren Uniformen.

Im Torraum hat der Schützenverein ein Podest für seinen König errichtet, auf dem Wellblechdach weht eine Deutschlandflagge vor wolkenlosem Himmel. „Mein Kindheitstraum war es, einmal König zu sein“, ruft der König ins Volk. Er wendet sich seiner Frau zu. “Dir, liebe Annette, meine Königin, muss ich besonders danken.” Sie greift seine Hand. Dann rinnt ihr eine Träne über das Gesicht.

Text und Optik

Marius Buhl
Lisa McMinn
Frederik Seeler

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„Wenn du hier lebst, ist der Titel ein Muss“

Die Sache mit der Monarchie ist eine emotionale in Werpeloh. Dehnt man das Dorf auf nationale Größe, entspricht der Bürgermeister dem Kanzler, der Schützenkönig aber dem Bundespräsidenten. Aus befreundeten Paaren wählt er sein Throngefolge, gemeinsam repräsentieren sie das Dorf auf den Schützenfesten der Nachbardörfer.

Einmal im Jahr veranstalten sie den großen Schützenball, aber auch in jeder anderen Woche trinken sie Schnaps mit den Dörflern, feiern und grüßen. Mehrere Tausend Euro kann das Amt kosten. Zumal ein guter Regent seinem Schützenheim auch etwas spendet. Einen neuen Grill zum Beispiel. Oder eine Bar. Doch das ist es den Schützen wert: „Wenn du hier lebst, ist der Titel ein Muss“, sagt Martin Schmitz, der Erste.

Es ist Sonntagabend, eine Coverband spielt Helene Fischers “Atemlos” im Festzelt vor dem Schützenheim. Dazwischen haben die Schausteller ihre Buden aufgeklappt. Jungen zielen mit hochgekrempelten Ärmeln und Luftgewehren auf Plastikrosen. Mädchen kaufen Zuckerwatte am Süßigkeitenstand. Der alte König sitzt im Zelt und schaut traurig drein. Seine Zeit ist fast vorbei.

Am Nachmittag, nachdem er zum Volk gesprochen hatte, begann bereits der Kampf um seine Nachfolge. Rund 30 Männer traten zur Vorrunde an und schossen auf eine Holzscheibe. 16 Männer trafen ins Schwarze. Morgen früh, am Montag, werden sie sich wiedersehen, zum Finale. Was müssen die Thronanwärter können, um König zu werden?

Der Vorstandsvorsitzende des Schützenvereins, Oberst genannt, zählt drei Bedingungen auf: “Über 18 Jahre alt muss unser künftiger König sein, trinkfest – und öfter ins Schwarze treffen als die anderen. Mehr braucht es nicht.”

Wirklich?

Im Festzelt erzählen die Dorfbewohner eine andere Geschichte. Einer, der viele Schützenfeste aus nächster Nähe begleitet hat, aber seinen Namen nicht nennen möchte, nimmt einen Schluck Bier, dann sagt er: “Es ist vorgekommen, dass Männer König wurden, die kaum schießen konnten.” Seine Vermutung: Der Vorstand entscheide schon vor dem Schießen, wer König werde. Er nimmt noch einen Schluck, dann flüstert er: “Besser als eine ruhige Hand ist ein Stein im Brett beim Oberst”.

“Quatsch”, sagt der Oberst, wenn man ihn danach fragt. Er lächelt dabei.

Nur angenommen, der Vorstand suchte tatsächlich den König schon vor dem Schießen aus; es hätte einige Vorteile. Der Vorstand könnte darauf achten, dass der König seine Zeche auch zahlen kann. Und dass ein König nicht zweimal hintereinander aus demselben Ortsteil oder derselben Familie kommt. So wäre fast jeder mal dran, fühlte sich geachtet. Die Krönung als integrative Maßnahme? Der Informant im Festzelt nickt.

Auch mancher Dorfbewohner scheint schon zu wissen, wer in diesem Jahr König werden könnte. Im Festzelt tuscheln sie, nennen Namen. Zwei Favoriten haben sie unter den 16 Finalisten ausgemacht. “Bernd Schmits”, raunt die Wirtin der Dorfkneipe, “der ist mal dran. Ein Ur-Werpeloher.” Schmits, den man hinten mit -s schreibe, sei nicht verwandt mit dem alten König Schmitz, sagt sie, das erhöhe seine Chancen. Im letzten Jahr sei er Vize geworden, im Jahr davor verzichtete er: Seine Frau hatte sich das Handgelenk gebrochen, und eine invalide Königin, das gehe ja nicht, sagt die Wirtin.

Torsten Eilers kommt aus einem Nachbarort. Das Zeug zum König hat er dennoch.

Ein Mädchen im Festzelt setzt auf einen anderen Schützen. “Torsten Eilers”, sagt sie, “der hat es verdient.” Ja, er sei ein Zugezogener, ein Butendabbler, wie man hier sagt. Doch der junge Dorfpolizist sei doch “inzwischen mehr Werpeloh als alle hier”. Er spielt die Tuba im Blasorchester und hat sogar den Namen seiner Frau angenommen: Eilers, einer der häufigsten Namen im Ort.

In der Nacht vor dem Finale sitzt Torsten Eilers auf einer Bierbank im Zelt, seine Hand klopft im Takt auf den Tisch, er lächelt beseelt. Er kramt sein Handy hervor und zeigt Bilder seiner Tochter herum. „Süß, oder?“ Er schäkert mit den Alten, tanzt mit den Jungen. Gemocht werden, das weiß auch Eilers, kann nicht schaden, wenn man König werden will. Bis halb vier morgens hält er durch, dann geht er ins Bett. Zwei Stunden später, um halb sechs, steht er wieder auf. Er streift sich die rote Weste des Musikvereins über, schultert seine Tuba und marschiert mit den anderen Musikern durchs Dorf, die Gemeinde wecken. Pünktlich um 10.30 Uhr steht er vor dem Schützenhaus. Das Finale beginnt.

Der Kampf um den Königsthron erinnert an das päpstliche Konklave. Einer nach dem anderen verschwinden die 16 Anwärter im Schützenhaus, die übrigen Dörfler müssen draußen bleiben. Sie wippen in mitgebrachten Campingstühlen, bestellen erste Biere – und warten. Drinnen verriegelt der Oberst das Schloss der Tür und lässt die Jalousien herunter. “Und jetzt alle Handys zu mir”, sagt er, “soll ja nichts nach draußen gelangen.” Eilers, Schmits und die anderen Finalisten setzen sich an einen Tisch aus Birkenfunier, darauf ungezählte Biere, sechs Flaschen Korn, drei Aschenbecher und eine Buddel Chantré. Um sie herum stellen sich die Würdenträger des Schützenvereins auf: der Kommandeur, der Major, der Oberst, der Kompanieführer.

„Ruhige Hand, guten Schuss – möge der Beste gewinnen!“, ruft der alte König in die Runde und hebt seine Flasche. Torsten Eilers stimmt aus heiserem Hals zum Gegenruf. “Auf unseren König! Er lebe hoch! Hoch! Hoch!”

Bernd Schmits, der zweite Favorit, sitzt in der Mitte der Tafel. Am Körper trägt er ein braunes Jackett, im Gesicht einen Schnauzer. Den Staplerfahrer und seine Familie kennt in Werpeloh jeder, Schmits ist eines von elf Kindern. Auf seinem Hof hängt noch die Zielscheibe auf die sein Vater damals schoss, als er vor 30 Jahren König wurde. Seit diesem Moment träumt Schmits von seiner eigenen. Fragt man ihn, was er für ein Typ sei, schiebt er den Ärmel seines Jacketts hoch und zeigt auf sein Hemd. “Kleinkariert.” Die Bierschaumflocken in seinem Schnauzbart zittern, als er lacht. Wenn der Major ihm Korn nachschenken will, hält Schmits seine rechte Hand flach über sein Glas. Er trinkt Bier, die Schnapsgläser bitte nur halbvoll. Er will sich lieber schonen, man kann ja nie wissen.

Bernd Schmits nimmt bereits zum achten Mal am Finale teil.

Der erste Schuss gehört dem alten König, Martin Schmitz. Er verschwindet hinter einer Schwingtür und tritt in die Schießkammer. Durch eine Glasscheibe beobachten ihn seine Konkurrenten, sie prosten ihm zu, er nimmt sich das Gewehr und dreht sich in Richtung eines tunnelartigen Gangs; dem Schießkanal. An dessen Ende erkennt Schmitz einen weißen Fleck: die Königsscheibe. Schmitz drückt ein Auge an den Sucher, kneift das andere zu, dann knallt es und fünfzig Meter weiter hinten schlägt die Patrone eine Kerbe ins Holz.

“Wenn es um die Krone geht”, sagt der Oberst, “verlassen wir uns nicht auf die Technik.” Die elektronische Schießanzeige, die sie im Training verwenden, haben sie ausgeschaltet, stattdessen hockt am Ende des Tunnels der Kompanieführer in einem Verschlag und prüft die Holzscheibe nach jedem Schuss. Dann überklebt er die Kerbe, greift zu einem grünen Telefon mit Wählscheibe und nennt dem Kommandeur im Schießstand die Zahl des getroffenen Rings. Der Mann neben der Scheibe ist der einzige, der weiß, welcher Schütze die schwarze 12 getroffen hat; alle anderen verlassen sich auf sein Wort.

Der Kommandeur tritt aus dem Schießstand an den Tisch. Die anderen Kandidaten verstummen. „Der alte König war nervös!”, ruft er und grinst, “Schmitz, 11!“ Ausgeschieden in der ersten Runde, der alte König lacht besonnen.

Eineinhalb Stunden lang schießen die Männer. Vor jedem Schuss schenkt der Kommandeur einen Schnaps ein, nach dem Schuss einen weiteren. “Dehnen” nennt er das. Sie singen, fluchen, rauchen, gröhlen, der Kommandeur ruft “8!” oder “9!”, und so scheidet einer nach dem anderen aus. Eilers und Schmits aber schießen zweimal in Folge eine 12. Sie und drei weitere Kandidaten schaffen es in die dritte Runde.

Für den zugegezogenen Torsten Eilers wäre die Krone eine besondere Ehre. Am Abend vorher, im Bierzelt, äußerte er eine Hoffnung: “Dass ich jetzt zum vierten Mal im Finale dabei bin, könnte bedeuten, dass Werpeloh mich aufgenommen hat in die Dorfgemeinschaft!” Der Königstitel wäre sein Beweis.

Für Bernd Schmits ist der Titel eine Pflicht. „An meinem Haus soll meine Scheibe hängen“, sagt er. Schmits möchte bekommen, was ihm, wie er sagt, “seit Jahren zustehe”.

Es ist kurz vor zwölf am Mittag, als die letzte Runde beginnt. Fünf Schützen sind noch übrig. Eilers ist als Erster dran. Die meisten Männer stehen jetzt, ihre Gesichter strahlen rot, ihre Stimmen klingen rau. Auch die von Schmits. Als Eilers sich durch die Männer zum Schießstand drückt, reißt Schmits ihn kurz an sich und klatscht ihm die flache Hand auf den Rücken: “Auf einen fairen Kampf!” Eilers grinst, sein Blick verschwimmt. Einer der Jungen beugt sich zu ihm und flüstert: “Wenn du gewinnen willst, musst du aufs Telefon schießen.”

Eilers tritt in die Schießkammer. Er legt das Gewehr an, fixiert, lässt es wieder auf die Holzablage sinken und blickt ins Dunkel, zieht die kühle Luft des Schachts in seine Lungen, legt an und drückt den Abzug. Die Kugel donnert durch den Tunnel. Am anderen Ende beugt sich der Kpmpanieführer über die Scheibe, dann greift er nach dem Telefon. Im Schießstand hält der Kommandeur den Hörer an sein Ohr, er nickt, schiebt Eilers aus dem Schießstand zurück zu den Männern an den Tisch und schreit: “10!”

Dann ist Schmits dran.

Vorne zieht der Trecker, hinten winkt der König: Martin Schmitz und seine Frau danken ab.

Das Dorf marschiert. Allen voran Fähnrich Anton Lammers.

Früher schulterten die Schützen Gewehre. Heute marschieren sie mit Blumengestecken auf dem Fußballplatz auf.

Wie viele Ringe die Schützen geschossen haben, wissen nur zwei Vorstandsmitglieder, und dieses Telefon.

Die Königsscheibe. Nach jedem Schuss wird die frische Kerbe abgeklebt.

Um kurz vor 13 Uhr öffnet sich die Tür des Vereinhauses. Etwa 300 Werpeloher springen auf, drängen zum Eingang, die Kapelle spielt auf, ein Tusch. Dann treten die Schützen vor die Tür. Zu sechst tragen sie den neuen König auf ihren Schultern: Bernd Schmits reckt die Faust in den Himmel, streift mit der Zunge über Lippen und Bart, er strahlt. Die ganze Menge will ihm jetzt gratulieren, aber die Männer tragen ihn ins Festzelt, zu seinem Thron. Bernd Schmits ist am Ziel, er ist der 151. König von Werpeloh. Torsten Eilers geht neben ihm. Auch er stützt den neuen König, er lacht laut. Später greift er zur Tuba und spielt seinem Gegner ein Ständchen. Wenn er traurig ist, kann Torsten Eilers das gut verbergen. Besser so. Der Kampf um die 152. Krone hat gerade begonnen.

Text und Optik

Marius Buhl
Lisa McMinn
Frederik Seeler

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