Maria und Amin

Sie ist 83 Jahre alt, hat drei ihrer vier Kinder früh verloren und immer nur im Stall oder Garten gearbeitet. Doch nun ist das Glück in das Leben von Maria Holtmann getreten: mit Amin, vier Jahre, von Afghanistan nach Werpeloh geflohen.

Hinweis: In einer früheren Version haben wir den Jungen „Ami“ genannt. Tatsächlich schreibt sich der Name aber „Amin“. 

Video

Marius Buhl

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Bauern schlau

Bernd Schmitz ist Schweinezüchter. Und hat gelernt, wie man EU-Förderanträge schreibt. Sein Einsatz bescherte Werpeloh einen Geldregen aus Brüssel.

Wer durch Werpeloh spaziert, entdeckt ein aufgeräumtes Dorf – wie es so viele gibt im Emsland. Gefegte Fußwege, getrimmte Hecken, Bauernhöfe mit Buxbäumen. Doch wer genauer hinsieht, merkt, dass etwas anders ist. Es sind die kleinen Schilder, sie hängen am Pfarrhaus, am Dorfplatz, vor der Kirche. Auf ihnen steht: “Hier investiert Europa.”

Das Geld der Europäischen Union steckt in öffentlichen Gebäuden und Plätzen und einer Straße in Werpeloh. Alle gebaut oder saniert in den vergangenen zehn Jahren. Zwischen 2007 und 2014 erhielten die Werpeloher pro Kopf 124 Euro aus Brüssel. Zehnmal so viel wie die Nachbargemeinden. Dort sagen sie: Wie die Werpeloher muss man das machen. In Werpeloh sagen sie: Der Bernd hat das gemacht. Der Bernd hat Europa nach Werpeloh geholt.

Text und Optik

Robert Pausch
Nico Schmidt
Markus Sehl

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Bernd Schmitz, 64, würde das so nie sagen. Im Blaumann läuft er über seinen Hof am Rand von Werpeloh, 280 Schweine im Stall, auf seinen Feldern Mais, Getreide und Hanf. Mit wuchtigen Händen zieht er die Stalltür auf, schiebt eine Fuhre Futter zu seinen Ferkeln. Bauer Schmitz als Europa-Experte? Schmitz winkt ab. “Einer muss es machen, und manchmal war ich es”, sagt er.

Aber wie wurde aus dem Schweinezüchter ein Kenner von EU-Förderrichtlinien und Finanzierungskonzepten? Einer, der die Sprache der Brüsseler Bürokraten spricht und es versteht, deren Geld ins Emsland zu lenken?

Schmitz weiß nicht mehr, in welchem Jahr das alles begann. Und worum genau es bei seinem ersten Antrag ging. Aber er erinnert sich, dass er Anfang der 90er Jahre plötzlich 1500 D-Mark aus Brüssel überwiesen bekam, aus einem Fonds für Landwirte in strukturschwachen Regionen. “Wir haben damals alle solche Anträge geschickt. Und es hat geklappt”, sagt Schmitz. Europa kam nach Werpeloh.

Ein Jahrzehnt später, im Sommer 2005, Schmitz engagiert sich inzwischen im Gemeinderat, hat Werpeloh ein Problem. Das Pastorat droht einzustürzen. Die Kirche hat kein Geld, das Gebäude zu retten, es soll abgerissen werden. Schmitz fragt sich, ob die EU neben den Bauern nicht auch beim alten Pastorat helfen könnte? Er vertieft sich in die Förderprogramme und entdeckt, dass Brüssel kirchliche Projekte nur mit 30 Prozent unterstützt – Kommunen aber mit bis zu 60 Prozent. Schmitz kommt eine Idee. Die Gemeinde kauft kurzerhand der Kirche das marode Gebäude ab. Dann beantragt sie die Sanierung. Der Plan geht auf, die EU zahlt 120.000 Euro. Im Pastorat entstehen ein Archiv, eine Bibliothek und ein Raum für die Pfarrgemeinde. Schmitz’ erster Erfolg als Geldbeschaffer für die Gemeinde.

Für Brüssel sind die 120.000 Euro nur ein winziger Betrag. Für die Gemeinde ist es viel Geld. Der kommunale Haushalt beträgt in manchen Jahren nur rund 500.000 Euro. Braucht Werpeloh eine neue Straßenlaterne, muss das Geld an anderer Stelle gespart werden.

Noch bevor das Pastorat saniert ist, wählen die Werpeloher Schmitz in den Kreistag. Als Kreispolitiker erhält er für sein Ehrenamt monatlich 280 Euro plus Spesen. Vor allem aber erhält er Macht, erhält neue Möglichkeiten, Werpeloh zu helfen. Im Kreistag sitzt er neben dem Landrat in der CDU-Fraktion. Und was die CDU entscheidet, wird gemacht im Emsland.

Blaumann statt Brüssel: Bernd Schmitz im Schweinestall

Schon bald kommt die nächste Gelegenheit für Schmitz, zu beweisen, wie Geld aus Brüssel in Werpeloh landen kann. Die Europäische Union hat gerade das „Leader“-Programm zur Entwicklung ländlicher Regionen verlängert, von 2007 bis 2014 soll allein Deutschland dafür rund 910 Millionen Euro erhalten. Das Geld soll vor allem Initiativen vor Ort zugute kommen. In Brüssel beschreiben sie das so: “Lokale Akteure werden aktiv in die Ausarbeitung und Umsetzung integrierter Entwicklungskonzepte einbezogen.” In Werpeloh sagt Schmitz: “Du musst eine gute Idee in der Schublade haben”.

Und Werpeloh braucht bald wieder eine neue Idee. In der Dorfmitte verfällt das Jugendzentrum, die EU könnte helfen, doch die Förderrichtlinien des Leader-Programms sind streng. Die Projekte müssen innovativ sein und zukunftsweisend. Zumindest müssen sie so klingen. Ein heruntergekommenes Jugendzentrum aufzuhübschen, das reicht noch nicht.

An einem Sonntagmorgen sitzt Schmitz in seinem Wohnzimmer. Er hat das ZDF eingeschaltet. In der Sendung sind Jugendliche und Senioren zu sehen, die gemeinsam in einem Haus musizieren, basteln und singen. Solche Mehrgenerationenhäuser würden vielerorts gebaut, als Treffpunkte für Stadt- und Dorfgemeinschaften. Und Schmitz denkt sich, so machen wir’s, wir bauen ein “Mehrgenerationenhaus”.

Schmitz studiert erneut Richtlinien und Verordnungen. Er denkt sich: “Das ist alles von Menschen gemacht, also ist es auch von Menschen zu verstehen.” Die Bewerbung für das Projekt ist aufwendig. Die Planung des Mehrgenerationenhauses füllt Aktenordner, Schmitz muss ein 20-seitiges Antragsformular einreichen.

In Sögel, fünf Kilometer von Werpeloh entfernt, betreut ein EU-Regionalmanager eine Förderregion, zu der auch Werpeloh gehört. Zwischen 2007 und 2014 ist er daran beteiligt, 2,4 Millionen Euro auszuschütten. Schmitz präsentiert ihm seine Idee, das Jugendzentrum abzureißen und ein Mehrgenerationenhaus zu bauen. Der EU-Manager ist überzeugt. Also schreiben Schmitz und er ein Konzept, argumentieren, dass gerade im ländlichen Raum der Zusammenhalt zwischen den Generationen wichtig sei und es hierfür eine Anlaufstelle brauche. Schmitz wühlt sich durch die Förderrichtlinien, schaut, welche Punkte noch nicht erfüllt sind, wo er das Projekt noch förderfähiger schreiben muss. Sein Ziel: 100.000 Euro aus Brüssel. Die maximale EU-Fördersumme für Projekte dieser Art.

Die bekäme er allerdings nur, wenn er weitere Mittel einwerben kann. Schmitz hat bereits beim Landrat vorgesprochen, doch der sagt, mehr als 35.000 Euro könne er nicht genehmigen. Zu wenig für ein Projekt, das fast eine Million Euro kosten soll.

Der Dorfplatz. Fertiggestellt 2012. Gesamtkosten ca. 61.000 Euro, davon EU-Förderung ca. 29.000 Euro

Der Kirchenvorplatz. Gebaut 2016. Gesamtkosten ca. 120.000 Euro, davon EU-Förderung ca. 33.000 Euro

Das Mehrgenerationenhaus. Gebaut 2012. Gesamtkosten ca. 750.000 Euro, davon EU-Förderung ca. 100.000 Euro

Das Pastorat. Saniert 2009. Gesamtkosten ca. 240.000 Euro, davon EU-Förderung ca. 120.000 Euro

Die Straße „Zum Windberg“. Fertiggestellt 2009. Gesamtkosten ca. 318.000 Euro, davon EU-Förderung ca. 158.000 Euro

Schmitz legt sich einen Plan zurecht. “Die besten Ideen kommen mir auf dem Trecker”, sagt Schmitz, und so sei es auch damals gewesen. Schmitz überzeugt den Vorsitzenden seiner Fraktion, im Haushalt des Landkreises einen neuen Posten zu schaffen: für “Gemeinschaftsräume”. Als der Etat steht, sind die Werpeloher vorbereitet und beantragen die Mittel sofort, erst später kommen auch andere Gemeinden an das Geld. Der Landkreis zahlt Werpeloh für das Mehrgenerationenhaus 160.000 Euro, hinzu kommen Gelder aus dem Bistum und aus der Gemeinde. Damit hat Schmitz sein Ziel erreicht, die EU zahlt die maximale Fördersumme 100.00 Euro. Insgesamt sammelt der Landwirt so 750.000 Euro ein.

Als das am Ende doch nicht ganz reicht, packen die Werpeloher selbst an. Sie pflastern den Eingang, montieren die Außenleuchten. Auf Fotos aus dem Sommer 2012 steht Schmitz zwischen Erdhaufen und Pflastersteinen, schaufelt eine Grube und verlegt Abwasserrohre. Er sieht zufrieden aus.

Im September 2012 wird das Mehrgenerationenhaus eingeweiht. Ein großer Erfolg für Schmitz, für den Kommunalpolitik längst keine Nebensache mehr ist. In manchen Jahren stehen in seinem Kalender 115 Termine. Er spricht Grußworte auf Vereinsjubiläen, verleiht Urkunden auf Goldenen Hochzeiten und 90. Geburtstagen. Schmitz ist ein Repräsentant geworden – und Anpacker geblieben.

Im Jahr 2014 engagiert sich Schmitz für sein bisher größtes Projekt. Gemeinsam mit CDU-Fraktionskollegen kämpft er für einen regionalen Naturpark. Der soll mehr als 50.000 Hektar groß werden, ein Sechstel des Emslandes. Werpeloh würde mitten in dem Gebiet liegen. Die Buchenwälder und Birkenhaine, Moore und Steingräber sollen zu einem Tourismusgebiet verbunden werden. So etwas finanziert die EU gerne. Und das mit Förderprogrammen, an deren Gelder Werpeloh bisher nicht kam. Schmitz, begeistert von der neuen Idee, bemerkt zu spät, dass er damit die Seinen gegen sich aufbringt. Die Landwirte wittern rigide Vorschriften für die Nutzung ihrer Felder und Wälder. Einige sprechen von kalter Enteignung. Und gegen die Landwirte geht in der Emsland-CDU wenig. Als im September 2016 die Emsländer einen neuen Kreistag wählen, steht Schmitz’ Name nicht auf dem Wahlzettel.

Im Sommer 2017 sitzt Schmitz in seinem Esszimmer und stützt sich mit beiden Händen auf die Tischplatte. “Das geht nicht spurlos an mir vorbei.” Schmitz hat ein politisches Sabbatjahr eingelegt. Wenn er über seine Zeit in der Politik redet, lacht er viel, er freut sich über seine kleinen und großen Erfolge, über die rund 400.000 Euro, die er mit nach Werpeloh geholt hat. Nein, verbittert wirkt Schmitz nicht. Er, der immer wieder betont, dass er das natürlich nicht allein geschafft hat. Für solche Projekte brauche es viele Menschen, die mit anpacken.

Aber es braucht eben auch Organisatoren und Antreiber. Leute, von denen am Ende alle sagen, dass es ohne sie nicht gegangen wäre. Bernd Schmitz ist einer von ihnen.

Text und Optik

Robert Pausch
Nico Schmidt
Markus Sehl

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Werpeloh forever

Kleines Kaff auf plattem Land, 20 Kilometer bis zur nächsten Disko und als einziges Geschäft ein Bäcker. Welcher Jugendliche möchte hier bleiben? Jeder.

Wo Assi-Horstmann den Einkaufswagen geklaut hat, weiß ich nicht. Doch nun hocke ich eben drin, und er rollt mich über den Bürgersteig der Hauptstraße eines Dorfes namens Spahnharrenstätte. Assi-Horstmann heißt eigentlich Tim. Seine Schultern sind schmal, in seinem Gesicht wütet die Pubertät. Aber das ist Tim gerade egal, denn das Bier hat ihn mutig gemacht und mich leichtsinnig. Meine Knie drücken sich in das Gitter des Einkaufswagens, meine Hände umklammern das Seitengestänge. Tim beschleunigt und manövriert den Wagen über die Bordsteinkante auf die Straße. „Mach keinen Scheiß!“, brülle ich. Wir krachen über den Asphalt, dann zieht rechts die Raiffeisenbank an mir vorbei, und noch bevor der Wagen kippt, sehe ich die Lichter in der Ferne.

Text

Lisa McMinn

Mitarbeit

Florentin Schumacher
Jean-Pierre Ziegler

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Der Autoscooter.

Das Bierzelt.

Das Schützenfest, unser Ziel.

Und plötzlich ist das Gefühl wieder da. Ich bin 16 und meine Heimat ist die Provinz. Der Geschmack von Erdbeerlimes. Nasse Hosenbeine von der Schaumparty in der Großraumdisko. Aber auch die Enge, die Eintönigkeit, und die immer gleiche Frage, die mich durch die Nacht begleitete: Wie komme ich nach Hause, wenn der Bus nicht mehr fährt?

Ich stolpere aus dem Einkaufswagen. Lange nicht mehr hier gewesen, denke ich.

Willkommen zu Hause.

Acht Kilometer Feldweg liegen hinter uns. Am Mittag habe ich Tim zum ersten Mal getroffen, vor dem geschlossenen Schlecker in Werpeloh. Heute ist Vatertag. Mit Bollerwagen und Bierkästen ziehen hundert Jugendliche aus dem Ort zum Schützenfest ins Nachbardorf. So ist es hier Tradition. Tim läuft mit – und heute auch ich.

Ich bin in Wolfsburg aufgewachsen. Als ich am letzten Schultag mein Abiturzeugnis von der Bühne holte, spielten die Counting Crows: „I´ve been hanging around in this town on the corner / I been bummin‘ around this old town for way way way way way too long“. Acht Jahre ist das her, und ich hatte nur einen Wunsch: weg hier.

Wer jung ist, sucht seinen Platz in der Welt. Wer jung ist, fragt sich: Wer bin ich? Wer will ich sein? Und: Wo gehöre ich hin? Erwachsen werden heißt, sich zu entscheiden.

Ich bin gegangen. Ich habe eine Plus-Minus-Liste gemacht. Berlin war groß, und es war billig.

Die Jugendlichen, die ich am Vatertag im Emsland treffe, wollen bleiben. Nicht einer. Nicht zwei. Sondern alle. In Werpeloh, einem Dorf mit 1174 Einwohnern, 20 Kilometern bis zur nächsten Disko und nur einem einzigen Geschäft: einem Bäcker.

Warum?

Es ist Samstagabend. Wenn du in Werpeloh einsam bist, hatte man mir gesagt, fährst du am besten in Simons Bude. Eine Kneipe gäbe es zwar auch, aber da gehe keiner hin. Die Cliquen haben ihre eigenen Treffpunkte. Denn mit den Cliquen sei es hier so: Wer miteinander die Grundschule besucht, gehört für den Rest des Lebens zusammen. Eine Clique, eine Bude, eine Schicksalsgemeinschaft. Die Mädels haben den Bauwagen, die Älteren die „Hermes-Bar“, eine Art Wohnzimmer mit Kronleuchter, und Simon hat einen alten Schweinestall.

„Schreib bloß nicht, dass wir hier immer bloß saufen!“

Der Hof gehört Simons Eltern. Neben dem Unterstand mit den Traktoren finde ich die Eingangstür. Dahinter erinnert nichts mehr an die Schweine, die steinernen Wände sind schwarz gestrichen, daran hängen eine Dartscheibe und ein Bier-Pong-Regelwerk. Ein Spielzimmer für große Jungs. Simon, 23, tagsüber Steuerfachangestellter, abends Budenbetreiber, sitzt auf einer Ledercouch.

„Joa, komm rein“, sagt er, „willst du ein Bier?“

„Schreib bloß nicht, dass wir hier immer bloß saufen!“, ruft einer, ohne den Blick von der Leinwand zu nehmen. BVB gegen Eintracht Frankfurt, das DFB-Pokalfinale.

„Unser Hauptgeschäft ist Fußballgucken“, sagt Simon. Er reicht mir eine Flasche. Fast jeden Abend treffen sie sich hier, Simon und die anderen Jungs, die meisten sind Mitte 20, Berufsanfänger, wie ich.

„Der Wirt der Dorfkneipe konnte die Pay-TV-Lizenz nicht mehr bezahlen. Deshalb machen wir das jetzt privat“, sagt Simon. Er hat ein Konto eingerichtet, die Kosten für Bier und Beamer teilen sie sich. „Fünf Euro monatlich, das läuft ganz gut“, sagt er.

Draußen in der Abendsonne zupft Michael, 26, ein Schweinefilet aus einer Plastiktüte und legt es auf den Grillrost. Michael ist der zweite Horstmann, Tims großer Bruder. Sein Bart beeindruckt mich. Viel mehr als die Hipsterbärte in Hamburg. Er reicht ihm spitz bis auf die Brust. Michael trägt Shorts, seine Unterschenkel sind vernarbt, „vom Motocross“. So oft sie können, brettern die Brüder auf ihren Maschinen durch den Wald, nur sonntagsnachmittags nicht. Aus Rücksicht auf Spaziergänger.

Dann ist das Spiel vorbei, der BVB hat gewonnen. Durch das gekippte Fenster höre ich, wie Jungs die Fußballhymne „Anthony Modeste“ grölen.

„Ein Zeichen zum Abhauen“, sagt Lukas, der neben Michael in einem Plastikstuhl hängt. Zwischen seinen Lippen klemmt eine Zigarette.

„Sonst gefällt dir das auch immer“, sagt Michael.

„Der hat den Pegel nicht!“, sagt ein anderer.

Lukas Grinsen zeigt eine breite Zahnlücke. „Kommt hier jetzt noch wer mit angeln?“, fragt er, „der Wels muss raus.“

Vor drei Jahren hatte er mit seinen Kumpels einen Wels in den Dorfteich gesetzt, 40 Zentimeter groß. Damals konnte man einen blanken Haken in den Teich werfen, irgendwas biss immer. Rotfedern, Karauschen, kleine Fische halt. Der Wels sollte aufräumen. Aber der Wels hat jetzt über einen Meter. Er muss raus. Und zwar heute Nacht.

Seine roten Haare hat Lukas zu einem dünnen Zopf zurückgebunden, die Seiten abrasiert, Festivalbändchen am Handgelenk, auf dem Oberarm ein Tattoo. Ein Segelschiff.

Lukas sieht aus wie einer, von dem man denken könnte, das Dorf sei ihm zu klein. Ich frage ihn, ob wir uns wiedersehen.

Lukas hilft in seiner Freizeit bei der Freiwilligen Feuerwehr.
Sarah (rechts) bei einem Auftritt des Musikvereins, in dem sie Klarinette spielt.
Vor der Bude treffen sich Michael und die anderen zum Grillen.

Zwei Tage später übt die Freiwillige Feuerwehr, was zu tun ist, wenn die Schule brennt. Lukas fährt den Wagen. „DV3 – Löscheinsatz“, erklärt er. Sein Undercut steckt jetzt unter einem Schutzhelm. Während die anderen Freiwilligen Schläuche ausrollen, steht Lukas an der Pumpe.

„Wasser, Marsch!“, ruft der Einsatzleiter.

„Veeeeer-standen!“, brüllt Lukas gegen das Rattern der Maschine, und kurbelt am Hahn.

Als er eine Stunde später den Helm abnimmt, ist das Haar darunter feucht. Er fährt sich mit der flachen Hand über die Strähnen, und setzt seine Kappe auf.

Ob er sich hier nicht manchmal langweile, frage ich.

„Langweilig?“, fragt er, „Wieso? Gibt doch genug zu tun.“ Sonntags steht Lukas für den SV Werpeloh im Tor. Immer, wenn er gebraucht wird, löscht er Brände mit der Feuerwehr. Und an manchen Abenden tritt er auf die Bühne, als Schauspieler im plattdeutschen Laientheater des Dorfes. Lukas ist 24 Jahre alt. Gerade lernt er für seine Gesellenprüfung, er wird Tischler.

Ob er mal daran dachte, das Dorf zu verlassen?

„Bis auf ein, zwei meiner Freunde sind alle hiergeblieben. Ich kann die doch nicht einfach im Stich lassen und sagen: Jetzt bin ich weg.“

Als ich ihn nach den Nachteilen an Werpeloh frage, sagt er nicht: die Enge. Oder: Die Eintönigkeit. Er spricht auch nicht von Kontrolle. Er verweist auf die Baupolitik.

Es gäbe nicht genug Platz für all die, die bleiben wollen.

Doch nicht einmal die Baupolitik ist wirklich schlecht in Werpeloh. 1000 Quadratmeter im Neubaugebiet kosten rund 25.000 Euro. Hier wohnt Sarah mit ihren Eltern. Wir haben uns am Vatertag kennengelernt. Sie hatte mir Eisteeschnaps in einen Plastikbecher gefüllt und mit Kreide meinen Namen auf die Straße gemalt.

Jetzt sitzen wir auf ihrer Terrasse, sie gießt Kaffee in meine Porzellantasse und Tee in ihre. Der Sonnenschirm quietscht im Wind. Sarah ist 19 Jahre alt, ihr weizenblondes Haar geht ihr bis zur Hüfte, die Kunststoffbrille lässt sie älter wirken. Letzten Sommer hat sie Abitur gemacht, jetzt leistet sie einen Freiwilligendienst. In der Grundschule hilft sie den langsameren Kindern. Bald will sie Heilpädagogik studieren. Dafür hat sie auch Bewerbungen nach Freiburg und Berlin geschickt, aber eigentlich will sie nach Münster.

Das liegt in der Nähe.

Hau hier ab, möchte ich ihr zurufen

„Vielleicht fahre ich nicht jedes Wochenende nach Hause,“ sagt sie, „aber eigentlich muss ich wohl hier sein. Sonst fehlt einfach alles. Meine Familie, die Feten, die Geburtstage, die Landjugend.“

Im Emsland tritt fast jeder Jugendliche in die katholische Landjugend ein. „Das gehört einfach dazu“, sagt Sarah. Mit 15 wurde sie Mitglied, mittlerweile gehört sie zum Vorstand und nennt ihn „La Familia“. Im Frühjahr fahren sie auf Treckern durchs Dorf und sammeln Müll, nach Weihnachten holen sie verbrauchte Christbäume gegen Spenden an den Haustüren ab.

Die Landjugend bindet Sarah an Werpeloh. Sie engagiert sich für ihr Dorf, wie Lukas.

„Man macht das, weil es jeder macht“, sagt sie, „wenn ich nicht mitmachen würde, hätte ich ein schlechtes Gewissen.“

„Ist das der Grund, weshalb du nicht weggehen willst?“, frage ich.

„Ich will schon für ein paar Jahre in die Stadt“, sagt Sarah, „aber eine Familie gründen, würde ich am liebsten in Werpeloh.“

Sarah lehnt sich im Gartenstuhl nach vorn, wenn sie spricht. Manchmal fängt sie einen Satz nochmal an, wenn ihr nicht gefallen hat, was sie gesagt hat. Wie eine Pressesprecherin. Sarah, die Vertreterin der Jugend. Ihr Verantwortungsgefühl beeindruckt mich. Die könnte doch viel mehr, denke ich. Hau hier ab, möchte ich ihr zurufen. Geh nach Freiburg oder nach Berlin!

Stattdessen sage ich: „Du bist sehr vernünftig.“

„Findest du?“, sagt Sarah und schweigt einen Moment. „Naja. Wenn jeder jeden kennt und ständig jeden sieht, ist der Anstand vielleicht größer.“

Die Enge.

Wollte ich nicht deshalb weg?

Lukas hilft in seiner Freizeit bei der Freiwilligen Feuerwehr.
Eine Frau auf dem Trecker? Auch in Werpeloh für viele undenkbar. Anna Maria über die Herausforderungen einer jungen Landwirtin.
Fast alle Jugendlichen treten der Landjugend bei. Vorstand Sarah erklärt, was die Landjugend ist – und was sie mit dem Lieblingsgetränk der Werpeloher zu tun hat.

Am Abend bummern die „Beginner“ aus Simons Boxen. Meppen ist aufgestiegen, in die dritte Liga. Der erfolgreichste Fußballverein des Emslandes. Ich falle Michael in die Arme. Irgendwie freue ich mich. Für Meppen. Für ihn.

Wir feiern mit ein paar Runden Bier-Pong. Zwei Teams stehen sich gegenüber, eines an jedem Tischende. 15 Bierbecher pro Mannschaft. Landet der Tischtennisball in einem der Becher der anderen, müssen sie trinken.

Die Horstmann-Brüder treffen fast mit jedem Wurf, ich treffe eigentlich nie. Die Stimmung ist entsprechend gut. Luis, der zweite Torwart des SV Werpeloh, zieht gerade eine Lederjacke über seine nackten Arme. Ansonsten trägt er nur eine Badehose. Ich tippe die Beobachtung in mein Smartphone.

„Pack doch mal das Scheißding weg!“, sagt Michael, entreißt mir das Handy und hält es in die Höhe. In seinem Gesicht passiert jetzt nichts mehr. Er schaut mich einfach nur an. Ganz starr. Das Handy in seiner erhobenen Hand.

„Okay“, sage ich.

Er senkt den Arm. Sein Gesicht entspannt sich.

„Wir fahren nach Meppen. Bist du dabei?“

Aber wir fahren nicht mehr nach Meppen. Ich fahre nach Hause und denke an meine Plus-Minus-Liste. Ich war 19, als ich sie geschrieben habe, wie Sarah. Neben Berlin stand noch eine Stadt auf dem Zettel. Göttingen.

Das war nah.

„Denen fehlt der Mut“, sagt ein Freund, als ich ihm von Sarah und Lukas erzähle, „wir haben es halt rausgeschafft.“

„Die haben doch bloß Schiss“, sagt ein anderer.

Es muntert mich nicht auf. Es macht mich wütend.

Ja, für mich war es wichtig meinen Heimatort zu verlassen. Ich habe es nie bereut. Aber manchmal denke ich an die, die geblieben sind. Und dann habe ich ein Gefühl, für das ich mich jetzt schäme. Abfälligkeit.

Ich denke zum Beispiel an Vero. In der Schule haben uns alle für Schwestern gehalten. Wir wollten beide Journalistinnen werden. „Und wenn daraus nichts wird, werden wir Hausfrau und Mutter“, hatten wir immer gesagt. Vero hat jetzt einen Sohn. Sie ist zurückgezogen, nach Hause. Ich habe sie dafür belächelt.

Aber jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen.

Ich glaube, Vero ist glücklich.

Beim SV Werpeloh steht Lukas im Tor. In die "Bude", den Partyraum, kommt er zum Fußballschauen.

An der Wand hängt das sechsseitige Bier-Pong-Regelwerk.

Beliebtes Ziel auf der Dartscheibe: Cristiano Ronaldo.

Der alte Spielautomat dient nur noch als Dekoration.

Selbstgebauter Flaschenöffner in Simons Bude.

Früher war die Bude ein Schweinestall.

Wenige Tage später feiert Werpeloh sein eigenes Schützenfest. Eigentlich hätte ich schon wieder in Hamburg sein sollen, aber das Schützenfest, haben sie gesagt, das sollte ich wirklich nicht verpassen. Das Fest des Jahres.

Das Dorf hat Unkraut gejätet und Hecken gestutzt, und zwischen Grundschule und Schützenheim haben sie das Festzelt aufgebaut. Davor leuchten eine Schießbude und ein Bierstand gegen die Dämmerung. Michael und Lukas hocken auf Campingstühlen unter hohen Eichen, sie tragen weiße Hemden, in jeder Hand halten sie ein Glas.

„Du schon wieder“, sagt Michael. Ich hole ein paar Biere, obwohl sie noch welche haben. Ich habe das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen. Ich bestelle gleich fünf Gläser. Als ich zurückkomme, sind Lukas und Michael weg. Im Festzelt fängt sich das Licht der Partystrahler in den Volants unter der Decke, mischt sich mit Zigarettenrauch und hüllt die Menschenmenge in orangefarbenen Nebel. Die Sängerin der Coverband singt irgendeinen Song, vermutlich einen Schlager, sonst wüsste ich den Titel jetzt wohl noch. Ich setze mich auf eine Bank und biete einer Frau eines meiner abgestandenen Biere an.

„Wie gefällt´s Ihnen?“, frage ich.

„Mein Ding ist das nicht“, sagt sie, „es ist ja doch immer das Gleiche.“

Sie ist vielleicht Ende 30, ihr blondes Haar hat sie zurückgebunden. Sie sei hier geboren, sagt sie, aber als Jugendliche hatte sie nur einen Wunsch: Sie wollte weg. „Ich bin die Tochter von einem der größten Landwirte im Ort. Für mich gab es nur zwei Möglichkeiten: Selbst Landwirtin werden oder einen noch reicheren Bauern finden.“ Sie lebe jetzt in einer Kleinstadt in Bayern. Aber mindestens einmal im Jahr kommt sie nach Hause. Zum Schützenfest.

An der Bar treffe ich Sarah. Sie sieht heute anders aus. Statt Brille trägt sie Kontaktlinsen, ihr Gesicht wirkt dadurch noch makelloser als sonst. Wir bestellen Spezi. Ich frage nach dem Stand ihrer Bewerbungen.

„Noch keine Antwort“, sagt sie.

„Freiburg ist wirklich schön“, sage ich.

Ich rede und tanze, trinke und proste, bis mich ein Arm von hinten packt, und sich fest um meinen Hals zieht.

„Boah, Michael!“, ruft Sarah und wirft entschuldigende Blicke in meine Richtung.

„Komm mal mit!“, sagt Michael. Er führt mich nach draußen, die Eichen sind dunkel und wir beide allein.

„Ich will dir mal was sagen.“ Sein Körper baut sich vor mir auf. Sein Bart ist nicht mehr hip, sondern beängstigend und verdammt nah an meinem Gesicht.

„Wir haben dich immer reingelassen“, sagt er, „aber woher sollen wir wissen, was du daraus machst? Weißt du eigentlich, dass du Leute hier kaputt machen kannst, wenn du was Falsches über sie schreibst?“

Ich weiche zurück.

„Das ist nicht meine Absicht“, sage ich.

Er lacht.

„Was soll das?“, frage ich.

Michaels Telefon klingelt. Er schaut auf das Display. Dann dreht er sich um und geht.

Vielleicht wollte Michael mich einfach einschüchtern. Vielleicht wollte er verhindern, dass ich ihn und seine Freunde als Provinzdeppen darstelle. Vielleicht sollte ich deshalb beleidigt sein. Vielleicht sollte mich das empören.

Aber ich stimme ihm zu.

Ein Dorf wie Werpeloh funktioniert, weil jeder eine Rolle hat. Und weil es Menschen wie Michael gibt, Aufpasser, die dafür sorgen, dass es so bleibt.

Wäre Simon nicht, gäbe es die Langeweile, die ich nicht finden konnte.

Wären Leute wie Lukas nicht, gäbe es weder eine Feuerwehr noch einen Fußballverein.

Gäbe es Menschen wie Sarah nicht, würde sich niemand verantwortlich fühlen.

Und wäre Michael nicht, hätte ich das alles nicht verstanden.

Natürlich braucht es Mut, seine Heimat zu verlassen. Aber es braucht auch Mut, zu bleiben. Weil man auf die Rollen verzichten muss, die man sich an einem neuen Ort erschaffen kann. An einem Ort, an dem dich keiner kennt. Manche Leute werden dann erst richtig interessant. Andere werden Arschlöcher. Zu gehen, ist immer auch ein Risiko.

Die Jugendlichen, die ich kennengelernt habe, verzichten darauf. Sie wollen sich nicht neu erfinden. Vielleicht würde Sarah in Freiburg keinen Müll mehr sammeln gehen, sondern auf die Straße. Gegen den Kapitalismus. Für den Weltfrieden. Aber Sarah will gar nicht die Welt verbessern, sondern erst einmal Werpeloh.

Sie wollen bleiben, wo sie sind, weil sie zufrieden sind. Simon und Sarah, Michael und Lukas, sie alle werden hier gebraucht. Sich selbst für die Gemeinschaft zurückzunehmen, ist nicht nur mutig. Es ist großmütig.

Halb zwei in der Nacht, zurück im Zelt. Lukas zieht mich auf die Tanzfläche. Vielleicht habe ich auch ihn gezogen, ich erinnere mich nicht. Doch nun drehen wir einander immer wieder unter unseren gehobenen Armen hindurch wie Kreisel. Es ist der einzige Tanzschritt, den wir beide beherrschen, unser kleinster gemeinsamer Nenner. Die Stimme der Coverbandsängerin klingt viel besser als noch vor ein paar Stunden, als ich noch nicht wusste, dass Spezi hier nicht Cola-Fanta ist, sondern Cola-Korn.

„Was bedeutet dir dein Tattoo?“, frage ich und deute auf den Dreimaster auf Lukas´ Oberarm.

„Freiheit. Und deins?“

Lukas zeigt auf meinen Unterarm. Der Apfel soll mich an meine Oma erinnern, an den Apfelbaum, der in ihrem Garten stand, an den Saft, den sie aus den Früchten presste und an den Kuchen, den sie damals buk.

„Heimat“, sage ich.

„Immer das, was man nicht hat“, sagt Lukas und hebt den Arm zur Drehung.

Und mir wird klar, wie überheblich dieser Gedanke war: Zu glauben, dass nur ihm etwas fehlt.

Text und Optik

Lisa McMinn
Florentin Schumacher
Jean-Pierre Ziegler

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Editorial

Wir sind losgefahren, um die Provinz zu erleben. 16 Reporter der Henri-Nannen-Schule, zwei Wochen im Hinterland, zwei Wochen in Werpeloh. Die Geschichte eines journalistischen Experiments.

In der dritten Nacht klaute jemand unsere Fahrräder. Wir hatten sie gemietet, um jeden Morgen von einem Nachbarort aus nach Werpeloh zu radeln. In Werpeloh selber hatten wir keine Unterkunft gefunden, kein Wunder, wer reist schon nach Werpeloh: kleines Dorf im Emsland, 1200 Einwohner, eine Kirche, eine Kneipe, ansonsten viele Schweine, Kornfelder, Windräder.

Die Werpeloher betonten sogleich, dass die Räder ja nicht in ihrem Dorf gestohlen worden waren, sondern vor unserer Herberge im Nachbarort. In Werpeloh sei so etwas undenkbar. Hier gebe es keine Diebe. Die Botschaft war klar: In ihrem Flecken, wo jeder jeden kennt, sei die Welt noch in Ordnung.

Ist sie das wirklich? Und falls ja: Worauf beruht diese heile Welt? Macht es Spaß, in ihr zu leben?

Text

Benedikt Becker
Stefanie Pichlmair

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Es gibt in Deutschland knapp 6000 Dörfer mit weniger als 2000 Einwohnern. Das sind 6000 ländliche Wohngemeinschaften, die überwiegend brav und geräuschlos vor sich hinleben und selten in die Medien gelangen. Was die Dörfler bewegt, was sie fürchten und begeistert, davon wissen Städter meist nur wenig. Wer so sein Gefühl für die Hälfte des Landes verliert, der wird kalt überrascht von Ereignissen wie dem Brexit und der Trump-Wahl. Gerade Journalisten hören es derzeit häufiger: Schaut mehr aufs Land, berichtet nicht nur über das, was in euren Großstädten wichtig erscheint. Besucht die grünen Flecken auf der Landkarte.

Die Bewohner von Werpeloh waren überrascht und wohl auch erschrocken, als gleich 16 junge Journalisten anreisten. Unser Ziel war eine Nahaufnahme der deutschen Provinz, von einem ganz normalen Dorf, nicht verarmt und abgehängt, aber auch kein Idyll im Speckgürtel einer Metropole. Viele Orte kamen dafür in Frage, wir entschieden uns nach einem Hinweis Berliner Sozialforscher für Werpeloh: provinzieller Durchschnitt, 500 Kilometer entfernt von Berlin, 240 Kilometer von Hannover, eine halbe Fahrtstunde von der nächsten Autobahn.

Zwei Wochen lang haben wir uns auf das Dorf eingelassen, halfen Schweinezüchtern beim Ausmisten, begleiteten die Freiwillige Feuerwehr, feierten im Schützenverein. Am Vatertag pilgerten wir mit Dorfjugend und Bollerwagen durch die Felder, am Sonntag saßen wir in der Kirche.

Über manches von dem, was wir entdeckten, gerieten wir in Streit. Wenn etwa viele Jugendliche nach Schulende in Werpeloh bleiben wollen: Liegt es daran, weil sie bequem und risikoscheu sind – oder weil sie einfach wissen, was sie an ihrer Heimat haben? Wenn viele Werpeloher die rund 100 Fabrikarbeiter aus Osteuropa in ihrem Dorf komplett ignorieren: Ist das fremdenfeindlich oder nicht?

Die Menschen waren nett zu uns. Sie luden uns zu Erdbeerkuchen und zum Grillen ein, sie grüßten uns lächelnd beim Bäcker und auf der Straße. Aber sie blieben auch skeptisch. Was fragen die bloß alles, diese Journalisten aus der Großstadt? Und was wird bei alldem herauskommen?

Die Werpeloher, geprägt von Heimatstolz und Gemeinsinn, blicken auf ihr Dorf so wie die CDU in ihrer aktuellen Kampagne auf Deutschland schaut: ein Ort, an dem wir gut und gern leben. Insofern ist Werpeloh, gerade im Wahljahr 2017, ein sehr deutsches Dorf.

 

Nachtrag:

Außerdem finden Sie uns auch in DIE ZEIT. Das Ressort „Z“ hat mit unseren Texten eine ganze Ausgabe zum Thema Dorfleben produziert, in der ZEIT-Ausgabe vom 31. August 2017 und Zeit Online übernahm Beiträge von uns, für das Ressort #D17, einer Serie von Geschichten aus der Provinz: http://www.zeit.de/thema/d17

Text und Fotos

Benedikt Becker
Stefanie Pichlmair

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Vernissage in Werpeloh

Mit dem Blick des urbanen Feuilletonisten haben wir rezensiert, was wir an Kunst im öffentlichen Raum entdeckten: von Seelenbrettern bis zu einer kaputten Laterne.

Die Installation irritiert den Betrachter zuallererst durch ihren Ausstellungskontext: eine Neubausiedlung mit getrimmten Vorgärten, deren Bewohner sich nur als Schatten zu erkennen geben, die fremde Autokennzeichen notieren und hinterlassenes Kaugummipapier vom Bürgersteig „aufheben“ (Hegel).

Diesen Erfahrungsraum kategorialer Übersichtlichkeit jenseits urbaner Komplexität ergänzt die Installation durch ihre eingeschriebene Mehrdeutigkeit, bei deren Interpretation sich der Betrachter cum grano salis, einen Gedanken Leslie Nielsens klaubend, langsam wie ein Blinder beim Gruppensex an die Sache herantasten muss.

Indem sich die Installation wie die „Badewanne“ von Beuys mimetisch an ihre Umgebung anschmiegt, ragt die Laterne gerade aus dieser Umgebung heraus: ihr Gehäuse ist zersplittert und ihre Glühbirne verlustig gegangen, ihre Funktion als Laterne scheint durch ein nonverbales Dekonstruktionsdispositiv infrage gestellt – eine ikonographische Eloge auf Vandalismus als existenzialistische Regelüberschreitung, die es so in Werpeloh nicht gibt, wo in Abwesenheit metropolitaner Fluchtpunkte konsumptiver Distinktion (Ramones-Shirts bei H&M) die hegemoniale Identität zwischen Erntedankfeier und Schützenfest ihre Volatilität nicht offenbaren muss.

Die Installation dechiffriert diese diskursiv hergestellte Idylle regredierten Bewusstseins ästhetisch-reflexiv als mangelhaft und kommuniziert emblematisch, dass Freiheit mehr ist als man darf.

Die Installation ist noch für unbestimmte Zeit im öffentlichen Raum Werpelohs ausgestellt, neben anderen Werken des unbekannten Künstlers wie der Kunststoffskulptur „Umgefallene Mülltonne“ oder der Kreidemuralismus „Hakenkreuz an Wand von Bushaltestelle“.

In Werpelohs Vorgärten blüht etwas, das eigentlich schon ausgestorben sein sollte. Der Aphorismus.

Nun ist es mit den Sinnsprüchen wie mit Horoskopen –  sie werden belächelt und sollten daher im 21. Jahrhundert ausgedient haben. Und doch sind sie so genial allgemein formuliert, dass selbst der aufgeklärte Mensch darin Sinn und Bestätigung für das Ich findet.

„Lebe deinen Traum“ oder „Das Leben kann man nur rückwärts verstehen, leben muss man es vorwärts.“ In Werpeloh finden sich die Sprüche gepinselt auf rustikale Bretter. Genannt: Seelenbretter. Gemalt in fauvistischen Farben von Firmlingen zusammen mit ihren Eltern als gemeinsames Projekt. Etwa 20 davon stehen im Dorf, eingerammt in den paradies-grünen Vorgartenrasen.

Das klingt nach Biedermeier, ist aber durchaus postmodern.

Werden unsere Timelines nicht sowieso von Sinnsprüchen überschwemmt, hinterlegt mit Sonnenuntergängen? Nur eben, dass der Buzzfeed-sozialisierte Jungintellektuelle sich dabei hinter Euphemismen wie Word Porn oder Visual Statements versteckt. Es ist nur konsequent, den Aphorismus aus dem Internet zurück in den Vorgarten zu holen.

Denn bei Facebook verenden die Sinnsprüche endgültig zu massentauglichen Plattitüden, die dem User sechs Emojis zur Reflektion übrig lassen. Sinn stiftet das nur den Betreiber-Seiten, die mit den Klicks und Shares ihr Geld verdienen.

Wer aber tagelang ein Seelenbrett bemalt, macht sich unweigerlich Gedanken darüber, welchen Traum es tatsächlich noch zu leben lohnt. Der bemalt das verwitterte Holz und denkt an die Sonne Madagaskars, spürt Sand zwischen den Zehen und schmeckt Zimt auf der Zunge. Und obwohl er ja immer noch auf dem Rasen in Werpeloh steht, begreift er, dass er jederzeit gehen könnte. Dass alles anders sein könnte, aber eben nicht muss.

Die Sonne brannte auf meinen Nacken, ich saugte an einem Eistee, und es hätte ein schöner Tag sein können, aber es war der vierte Tag in Werpeloh. Seit drei Stunden lief ich durch das Dorf. Durch Straßen, in denen es keinen Gehweg gibt, weil die rasierten Vorgärten bis zur Fahrbahn reichen, vorbei an Zierbrunnen und kugelförmigen Buchsbäumen, an müden Deutschlandfahnen und Gartenzaunkläffern und Fußmatten mit Carpe-Diem-Sprüchen. Werpeloh war das schönste Dorf, in dem ich gewesen war, und, so schien es mir, das mit Abstand langweiligste.

Ich ging durch das Neubaugebiet, wo die Straßen „Holunderweg“ und „Ginsterweg“ heißen und wo in die großzügig bemessenen Häuser bald junge Paare einziehen würden, Werpeloher Jugendlieben. Ich lief schneller. Von den Gerüsten drang das Hämmern der Bauarbeiter, und obwohl viele Häuser noch leer standen, fühlte ich mich beobachtet.

Ich weiß nicht mehr, wie lang ich so vor mich hingegangen war, jedenfalls war die Straße plötzlich zu Ende: eine Wendeplatte, umzingelt von rotbraunen Backsteinhäusern.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Ich wusste nur, dass ich den Weg nicht zurückgehen wollte.

Zwischen zwei Häusern war eine Lücke. Dahinter traf ich auf einen Pfad, nach ein paar Metern auf einen Durchgang in einer struppigen Hecke, und dann, plötzlich, sah ich ihn: einen Spielplatz, zugewuchert und verfallen.

Ich wusste sofort, dass der Ort gut war: Zwischen den Spielgeräten wuchs das Gras bis zum Knie, in den Löchern der Torwand hatten Spinnenfamilien ihre Netze gebaut, und die Wippe sah aus wie eine wilhelminische Kanone, nach dem Ersten Weltkrieg.

Ich schaukelte ein bisschen, was schwierig war, weil kaum mehr Kuhle unter der Schaukel war. Die Angeln quietschten, und vom Balken, an dem die Schaukel hing, rieselten Moosbröckchen in meinen Nacken. Höher als einen halben Meter brachte ich meine Füße nicht über den Boden.

Vögel zwitscherten. Das Brummen der Rasenmäher aus den Vorgärten drang dumpf herüber. Von den umstehenden Häusern waren über die verwilderte Hecke des Spielplatzes nur die Dächer zu sehen. Ruhe kam über mich, auf der Schaukel schaukelnd.

Von da an ging ich fast jeden Tag zum Spielplatz. Mit der Schaukel kam ich jedes Mal etwas höher. Kinder sah ich nie. Einmal, als ich gerade wieder aus dem Durchgang in der Spielplatz-Hecke auftauchte, blickte mich ein älterer Mann an, der mit seinem Enkel im Garten Fußball spielte.

„Moin“, grüßte ich.

„Moin“, sagte er.

Er schaute mich an, mitleidig, glaube ich. Dann deutete er auf die Hecke hinter mir, den Spielplatz.

„Die muss man auch mal wieder schneiden“, sagte er.

Text und Optik

Martin Eimermacher
Florentin Schumacher
Frederik Seeler

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Text und Optik

Martin Eimermacher
Florentin Schumacher
Frederik Seeler

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Vorgarten Eden

Zwischen Haustür und Bürgersteig zeigen die Werpeloher, dass sie die Natur im Griff haben. Und wie.

Von oben betrachtet, und das ist nicht im Geringsten herablassend gemeint, sieht Werpeloh aus wie ein Schwein. Bei Google Maps sind die Umrisse der Gemeinde in zartem Rosa unterlegt. Von der Schnauze erstreckt sich das Ortsgebiet über eine stattliche runde Brust voller Felder und Wälder bis zu einem ebenfalls ordentlich bewaldeten Schinken. Zwischen Brust und Schinken liegt der von Eichen umstellte Dorfplatz, der vor Jahrhunderten tatsächlich einmal eine Schweineweide war.

Wer Werpeloh vom Dorfplatz aus erkundet, der begreift schnell, dass hier nicht Kirche und Schützenhäuschen die Sehenswürdigkeiten sind. Die wahren Prestigeprojekte sind die Rechtecke vor den Häusern, präzise gezogen. Die Vorgärten fallen auf, weil sie auffallen wollen. Als Boten ihres Schöpfers rufen sie heraus, was für ein Mensch hier wohnt. Man entdeckt sie sofort, wenn man der Biegung der Hauptstraße folgt, die Bäckerei Anneken hinter sich lässt und an den Höfen des Bauern Hermes und des Bauern Eilers vorbei Richtung Kreuzkamp spaziert.

Text

Martin Eimermacher
Robert Pausch

Fotos

Heiner Müller-Elsner

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Hier im Neubaugebiet blüht neben Hortensien und Chinaschilf der Ethos, beim Gärtnern nichts dem Zufall zu überlassen. Jede Pflanze, jeder Halm, jedes Kiesbett haben Zweck und Funktion. Nichts darf wachsen ohne Erlaubnis. Eindringlingen wird mit Schneckengift und Unkrautvernichtern zu Leibe gerückt. Die mit Blut, Schweiß, Tränen gehegten Rasenparzellen meißeln die Ahnung in den Kopf des Beobachters, dass ein Vorgarten nicht bloß eine Ruheoase sein soll, irgendwo in einem ruhigen Winkel im Schatten. Nein, der Gärtner will sich in aller Öffentlichkeit den Rücken buckelig ackern, er braucht den Zuschauer.

Er scheint zu imitieren, was er gelernt hat in einer Gesellschaft, in der alles einen Wert haben muss und kaum jemand noch nachzufragen weiß, wieso. Weil als Prinzip gilt, dass alles und jeder, der nicht verwertbar ist, zu spüren bekommt, wie schnell sich die unsichtbare Hand des Marktes zur eisernen Faust ballt. Und trotz dieses Stahlbads, in dem der Vorgärtner sein Seepferdchen machen muss, grüßt er stets freundlich seine Nachbarn. Und ja: er hilft ihnen auch, wo er kann.

Ein paar Meter weiter im Ginsterweg winken sich die Nachbarn über den efeuberankten Maschendrahtzaun. Der Glockenschlag des Kirchturms im Herzen Werpelohs klingt hier nur noch als fernes Läuten, hinter den Häusern erstreckt sich die niedersächsische Prärie. Scheinbar endlose Ackerflächen, am Horizont ein kleines Wäldchen. Grunzlaute verraten, dass in der Nähe wohl gerade eine Wildsau im Erdreich rüsselt. Hier vor den Häusern dominiert die bis ins Absurde getriebene Akkuratesse perfekter Kanten und exakter Linien.

Vor einem sehr weißen Haus reckt sich eine sehr runde Buchsbaumkugel in die Luft, säuberlich beschnitten, ein stummes Symbol artifizieller Ästhetik. Denn darum geht es ja bei all dem Vorgärtnern. Es ist das radikalste Projekt, sich die Natur untertan zu machen – Dominum terrae, hier, im gottesfürchtigen Emsland hat man das verstanden. Und so ist der Vorgarten kein Refugium, kein Ort der stillen Eremitage. Er steht nicht für Gärtnern in Versunkenheit, wie man es von jenen Mönchen kennt, die fernab der Welt die Rosen hegen. Der Vorgarten lässt sich vor niemandem verstecken. Er ist da, um gesehen zu werden, er verlangt nach Urteil, stellt sich der Kritik. Er ist die Visitenkarte seines Schöpfers.

Und so blitzen hinter all der klinischen Einheitlichkeit doch immer wieder ganz unterschiedliche Charaktere hervor. Da ist zum Beispiel der Planierer aus dem Weidengrund, der verstanden hat, dass Gärtnern vor allem Triebkontrolle bedeutet. Unkraut ist eben Unkraut und keine Zierpflanze. Doch da all das Pflanzen, Graben, Rupfen und Vertikutieren eine mühselige Angelegenheit ist, hat er sich entschlossen, einfach alles zuzuschottern. Durch den Schotter also führt ein ebenfalls geschotterter Weg zum Haus. Dazwischen ein einsamer Fliederbaum. Das Prinzip Vorgarten wird hier konsequent zu Ende gedacht. Als ultimativer Sieg der Sachlichkeit.

Ein paar Querstraßen weiter reihen sich wiederum Häuser, deren Besitzer ihre Vorgärten mit Lamellenzaun und Zypressensäulen zur Festung ausbauen. Hoch oben flattert die Deutschlandfahne am Mast. Wortkarge Kerle rammen Wachholdersträuche in den Boden und räuchern ausgewählte Maulwurfshügel aus – Einzelne bestrafen, Hunderte erziehen (Mao). Laubbesen und Forke sind hier die Werkzeuge der Wahl. Strenger Formschnitt diszipliniert den Wildwuchs. Und doch reicht hier das Archaische dem Fortschritt die Hand: Mähroboter halten Wacht über die Rasenflächen, die gestutzt sind wie die Köpfe der Rekruten auf dem nahegelegenen Truppenübungsplatz.

Doch ist der Vorgarten mehr als Domestizierungswahn und Kleinbürgerlichkeit mit Petunien und Lavendel. Ein windschiefer Zierapfel, eine vertrocknete Stechpalme verraten: Der Garten belehrt den Gärtner immer wieder über dessen eigene Unvollkommenheit. Realität und Wunschdenken müssen stets aufs Neue miteinander versöhnt werden. Wo der Boden sandig ist, wachsen keine Rosen. So einfach ist das manchmal. Und schon ein verregneter Sommer kann den eigenen Herrschaftsanspruch ins Wanken bringen. So ist der Vorgarten eben nicht zuletzt auch eine Charakterschule. Kein Ort unmittelbarer Satisfaktion. Denn klar ist, der Zauderer wird nie ein guter Gärtner. Gärtnern bedeutet Arbeit, Misserfolg und Neubeginn. Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit – wer im Vorgarten ackert, muss Kant nicht lesen, um ihn zu verstehen.

Mit Jägerzaun und Klinkermauer demonstriert der Vorgärtner seinen Besitzanspruch, den er durch die Urbarmachung des Landes erworben hat. Wer sich die Mühe macht, Rasen zu säen, zu gießen, zu mähen, der darf ihn auch sein Eigen nennen. Ganz wie John Locke sieht der Vorgärtner in der Aneignung der Natur die Grundlage des Privateigentums – und ohne Eigentum kann es für den Gärtner auch keine Freiheit geben. Und ohne Freiheit keine Demokratie. Unsere Zivilisation wird also im Vorgarten verteidigt, auch so könnte man es sehen.

Im Vorgarten zeigt sich der Charakter

Text und Optik

Martin Eimermacher
Robert Pausch

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Das Team

16 junge Journalistinnen und Journalisten von der Henri-Nannen-Schule. Fast die Hälfte ist selbst auf dem Dorf aufgewachsen. Trotzdem hat Werpeloh sie häufig überrascht.

Benedikt Becker

27, überzeugter Rheinländer, zweifelnder Journalist. Sucht die Nische zwischen Politik und Wirtschaft. Kennt das Emsland immer noch nicht, saß als CvD im Büro fest. 
@BeneBecker

Marius Buhl

25, studierte Jura und schreibt über Sport und Gesellschaft. Werpeloh kam ihm groß vor: Sein Heimatdorf im Schwarzwald hat halb so viele Einwohner.
@marius_buhl

Susan Djahangard

26, hat in Werpeloh mehr Polnisch als Platt gelernt. Schreibt auch sonst am liebsten über Migration und andere politische und ökonomische Gesellschaftsthemen.
@sudjahan

Steffi Hentschke

29, hat in Hamburg Politikwissenschaft studiert und in Israel gelebt. Hörte während der Recherche in Werpeloh, wie Schweine sterben. Mag nun kein Fleisch mehr.
@steffihentschke

Martin Eimermacher

27, hat in der Werpeloher Lokalzeitung das Feuilleton vermisst. Aber dafür die Schmunzelseite und das Kreuzworträtsel zu schätzen gelernt.
@marteimer

Lisa McMinn

27, hat fünf Jahre studiert, um seriöse Politik-Journalistin zu werden. Nach zwei Wochen im Dorf tanzt sie lieber auf Schützenfesten.
@L_McMinn

Robert Pausch

25, schreibt eigentlich über Politik, durfte in Werpeloh aber erstmal auf Vatertagstour. Auf halber Strecke dann das erste Lob: „Dass ihr Hamburger hier mithalten könnt, hätte ich nicht gedacht.“
@bertpsch

Martin Pfaffenzeller

28, hat auf dem Dorf Mystery gesucht und nicht gefunden. Stattdessen hat er viel über Hügelgräber, Panzerschießplätze und Windmühlen gelernt.
@m_pfaffenzeller

Stefanie Pichlmair

24, in Bayern auf dem Land aufgewachsen und weggezogen. Grillte in Werpelohs Neubaugebiet mit Paaren, die das Dorfleben lieben. Es gab Schichtsalat.
@SPichlmair

Jonas Schaible

27, Politikwissenschaftler mit Herz, Journalist auch mit Herz. Ist als Kind nie in die Dorfkirche gegangen. Konnte im Emsland trotzdem noch ein Vaterunser beten.
@beimwort

Nico Schmidt

28, traf in einer emsländischen Jugendherberge seine alte Jugendliebe wieder: Hagebuttentee.
@nico_schmidt

Frederik Seeler

22 Jahre alt, unstudiert und unrasiert mit Vorliebe für freshe Anglizismen und Schweinestall-Reportagen. Wäre beinahe Schützenkönig von Werpeloh geworden.
@FrederikSeeler

Florentin Schumacher

24, war Werpeloh zu vernünftig, bis er erfuhr, dass Jugendliche einen Wels in den Dorfteich setzten und nun erfolglos nach ihm angeln.
@Flo_Schumacher

Markus Sehl

30, hat bei der Recherche zur Politik im Dorf Widerstände überwunden, viele Grillwürste gegessen, viel Bier und kannenweise Filterkaffee getrunken.
@markus_sehl

Daniel Sippel

23, studierte Politikwissenschaften und Philosophie. Vorwiegend als Bildgestalter in Werpeloh. Konnte den ominösen Steinkreis in Werpeloh nie finden.
@DanSippel

Jean-Pierre Ziegler

31, mochte in Werpeloh am liebsten die Dorfkneipe. Vor Jahren hat dort mal eine Kuh auf den Spielautomaten geschissen, wie ein Gast erzählte.
@jepziegler

Unsichtbare Nachbarn

In Werpeloh wohnen mehr als hundert Arbeiter aus Osteuropa. Es gibt kein Miteinander, aber auch kein Gegeneinander. Wie kann das sein?

Nach der Frühschicht in der Fleischfabrik braucht Andrejs Cans ein Bier. Cans, 27, aus Lettland, sitzt in der Küche, stopft Zigaretten und öffnet eine Dose. Müde schaut er aus dem Fenster. Er hört die Rufe vom Werpeloher Sportplatz, keine 400 Meter entfernt, der Fußballverein richtet ein Pokalturnier aus. Das ganze Dorf geht dorthin. Von seinem Platz hinter dem Fenster sieht Cans die Menschen vorbeilaufen, während er dreht und raucht und trinkt.

Zur selben Zeit spaziert 40 Kilometer entfernt Madalina Nitu, 27, mit ihrem Freund durch Cloppenburg und isst Zitroneneis. Sie schlendern und reden und genießen das Leben der Kleinstadt, in der sie lieber ihre Freizeit verbringen als in Werpeloh im Emsland, ihrem Wohnort.

In Werpeloh kennt fast niemand diese Namen: Andrejs Cans und Madalina Nitu. Sie sind Unsichtbare in einem Dorf, das nur 1200 Einwohner hat, und in dem es häufig heißt, jeder kenne jeden. Doch die rund 100 Billigarbeiter aus Europas Osten bleiben außen vor. Seit Jahrzehnten leben Menschen wie Cans und Nitu in Werpeloh. Sie kommen und gehen, manche bleiben einige Monate, andere fünf Jahre. Es gibt kein Gegeneinander, aber auch kein Miteinander. Wie kann das sein, in einem so winzigen Ort?

Text und Optik

Susan Djahangard
Steffi Hentschke
Martin Pfaffenzeller
Jonas Schaible
Daniel Sippel

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Wer die Unsichtbaren treffen will, muss schon an den Türen von Häusern klingeln, deren Gras im Vorgarten etwas länger ist als nebenan, und deren Briefkästen mit Namensschildern vollgeklebt sind. Die meisten Unsichtbaren sprechen kein Deutsch und kein Englisch. Viele winken ab. Andere erzählen. Die Ungarin etwa, die 500 Meter von der Kirche entfernt wohnt und nicht weiß, wo die Kirche steht. Der Pole, der von einer eigenen Spedition träumt und alleine angeln geht. Der Slowake, der sich ein Haus mit zwölf anderen Menschen teilt.

Auch Andrejs Cans und Madalina Nitu gehören zu dieser Parallelwelt. Sie erzählen, was sie zum Aufbruch trieb. Wieso sie gerne in Deutschland leben. Und warum sie trotzdem nie ganz angekommen sind.

Nach Feierabend stopft Andrejs Cans in seiner Küche erst mal Zigaretten.
In ihrem Schlafzimmer schauen Madalina Nitu und ihr Freund rumänisches Fernsehen.

Cans stammt aus einer Kleinstadt im Süden von Lettland. Vor fünf Jahren fragte ein Freund, ob er ihn nach Deutschland begleiten wolle. Besser, als für wenig Geld in lettischen Wäldern Holz zu hacken. Eine Weile arbeitete Cans in Bremerhaven. Dann hörte er von Jobs in einer Fleischfabrik im Emsland. Ein Subunternehmer der Fabrik besorgte einen Arbeitsvertrag, eine Wohnung und ein Fahrrad. So kam Cans vor einem Jahr nach Werpeloh.

Madalina Nitu wuchs in Slatina auf, Südrumänien, 70 000 Einwohner. Irgendwann ging ihr Freund nach Deutschland, um auf dem Bau zu arbeiten. Sie brach ihr Studium ab und kam nach. Mach, was du willst, sagte ihre Mutter. 2011 war das. Jetzt packt Madalina Nitu Kuchen in Kartons, in einer Fabrik nicht weit von Werpeloh, Schichtdienst, oft am Abend. “So einen Job finde ich auch in Rumänien”, sagt sie. Aber das Leben in Deutschland sei besser. Die Straßen haben keine Schlaglöcher, die Häuser sind größer, die Autofahrer vorsichtiger. Nur eine Wohnung als Rumänin zu finden war schwierig. Die meisten Vermieter hätten Vorurteile, sagt sie.

Cans Tag beginnt meist, wenn Werpeloh schläft. Wenn ihm allein die Lampe seines Fahrrads den Weg zur fünf Kilometer entfernten Fleischfabrik weist. Acht bis zehn Stunden eingeschweißtes Fleisch vom Band ziehen und einscannen, vom Band ziehen und einscannen, vom Band ziehen und einscannen. „Die Arbeit“, sagt er, „ist gut. Einfach, gut bezahlt“. Er klagt nicht über die Arbeitszeiten. Wenn Werpeloh wach ist, ist er eben müde.

Und wenn er einmal nicht müde ist, zieht er sich trotzdem zurück. Er wohnt direkt neben der Dorfkneipe, in die er noch nie gegangen ist. Er spricht kein Deutsch und kaum Englisch, er kam, um zu arbeiten, sonst nichts. Hat er frei, hängt Cans im Hinterhof ab oder in seinem Zimmer. Zockt Playstation. Streamt Youtube-Videos. Tippt Whatsapp-Nachrichten. Er war bei der Armee, kann schießen, aber vom Schützenverein hat er noch nicht gehört.

Nach der Arbeit zieht Cans sich zurück. Er spielt lieber Playstation als Fußball, sagt er.

Bald wollen Nitu und ihr Freund heiraten, in Rumänien bei ihren Familien.

Cans diente in Lettland beim Militär. Der Schützenverein in Werpeloh interessiert ihn nicht.

Nitu lebt zusammen mit ihrem Freund, sie sind oft unterwegs. In Werpeloh sei einfach nichts los.

Cans trinkt viel und raucht viel. Oft sitzt er in seinem Hinterhof, direkt neben der Dorfkneipe.

Nitu und ihr Freund vor ihrer Wohnung. Zu den Werpelohern nebenan haben sie keinen Kontakt.

Madalina Nitu wollte von Anfang an Deutsch lernen. Einen Sprachkurs konnte sie sich nicht leisten. Also hörte sie ihren Arbeitskollegen aufmerksam zu. Es klappte. Deutsche Freunde gefunden hat sie trotzdem nicht. Dass sie in Vereinen suchen müsste, hat ihr nie jemand gesagt.

Dafür freundete sie sich mit einer Polin an. Mit ihr spaziert sie oft durch Werpeloh, vorbei an den Klinkerhäusern und über die Felder. Sie kauft beim Bäcker ein. Dass die Werpeloher sie kennenlernen wollen, glaubt sie nicht mehr. Am Anfang grüßte sie, sagt sie. Zu oft habe sie keine Antwort bekommen. Hin und wieder sei sie beschimpft worden. Erst neulich, bei einem Spaziergang, habe die Tochter ihrer Freundin zu einer Frau „Hallo“ gesagt. Die habe sich weggedreht. Für Nitu ist klar: Mit den Ausländern wollten die Werpeloher nichts zu tun haben. Und sie laufe niemandem hinterher. “Ich habe auch Respekt vor mir”, sagt sie.

Ihre Nachbarn erzählen, doch, doch, da wohnten wohl Rumänen. „Eine Frau spricht auch gut Deutsch“, sagt einer. „Neulich haben die Rumänen ein Paket angenommen“, sagt ein anderer. „Sie grüßen freundlich“, sagen beide. Und weiter? Nichts weiter.

In der Kirche von Werpeloh bedeckt eine Collage eine etwa zehn Meter lange Wand. “Wir sind Werpeloh” steht auf dem selbst gebastelten Dorfplan, mit Straßennamen und Häusern und Hausnummern. Neben fast allen stehen die Namen der Bewohner, daneben klebt ein Foto von ihnen. Doch es klaffen Lücken. Kreuzkamp 18, 20, 24. Die 22: fehlt. Die Collage ist einige Jahre alt, schon damals schienen die Unsichtbaren nicht zu existieren.

Es gibt in Werpeloh kein Ausländerviertel. Es gibt nur Ein-Haus-Ghettos, Enklaven des Fremdseins mit Vorgarten und Ziegeldach.

Wer gebürtige Werpeloher fragt, warum sie die Fremden kaum kennen, hört immer die gleichen Sätze: Die arbeiteten so viel, oft auch am Wochenende, sie hätten keine Zeit für die Vereine und kein Interesse daran. Die meisten sprächen gar kein Deutsch. Viele tränken, manche zu viel. Einige versackten. Fast alle gingen bald wieder, nach ein paar Monaten oder einem Jahr.

Die meisten der Unsichtbaren wollen tatsächlich nicht bleiben. Jedenfalls nicht lange. Sie stanzen Metall in einer Werpeloher Fabrik. Sie zerlegen Schweine in einer Großschlachterei. Sie mauern auf Baustellen und schweißen Schiffstoiletten. Viele schuften sechs Tage die Woche im Schichtbetrieb, sammeln Urlaub an. Alle paar Monate fahren sie für eine Weile nach Hause. Viele sparen für einen Lastwagen, eine Wohnung, ein Haus, um sich in der alten Heimat etwas aufzubauen. Oder sie wollen in Deutschland bleiben, nur nicht in Werpeloh. So wie Madalina Nitu, die in eine Stadt ziehen möchte, vielleicht nach Meppen.

Man kann sie alle verstehen. Die alteingesessenen Werpeloher, die irgendwann aufhörten, sich zu interessieren. Andrejs Cans, der nach einem langen Tag lieber zuhause bleibt. Madalina Nitu, die genug davon hat, ins Leere zu grüßen. Vielleicht darf es so etwas auch geben im Dorf: Großstadtanonymität.

Wenige Tage vor dem Fußballturnier biegen zwei Kleinbusse auf einen Hof neben einem Mehrfamilienhaus ein. Die Schiebetüren werden aufgestoßen, dreizehn Frauen und Männer steigen aus, mit Plastiktüten in den Händen. Neue Werpeloher, aus Polen und der Slowakei, 13 neue Unsichtbare, die man sehen kann, wenn man will.

Text und Fotos

Susan Djahangard
Steffi Hentschke
Martin Pfaffenzeller
Jonas Schaible
Daniel Sippel

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Die Gülle-Influencer

Sie heften Kameras an Mähdrescher, filmen sie mit Drohnen aus der Luft. Lars und Laurenz betreiben den Youtube-Kanal „Emsland Agrarvideos“. Sie sind: 13 und 14 Jahre alt

Video

Marius Buhl
Frederik Seeler
Daniel Sippel

Diesen Beitrag weiterempfehlen

Feedback

Wir muteten den Werpelohern viel zu: Sprecht mit uns, lasst uns in eure Häuser, vertraut uns. Obwohl wir fremde Journalisten aus der Großstadt waren. Wie fanden sie das?

»Als die Journalisten das erste Mal an meiner Haustür geklingelt haben, wusste ich nicht, wer sie sind und was sie von mir wollen. Vielleicht Zeugen Jehovas, dachte ich. Aber dann war alles in Ordnung. Sie haben viel gefragt, ich habe gerne von meinem Leben erzählt.«

Madalina Nitu, Fabrikarbeiterin

„Wir haben uns gerne mit euch über das Leben in Werpeloh unterhalten, ihr solltet ja auch einen authentischen Einblick erhalten. Die Zeit mit euch war lustig. Trotzdem hatten wir damit zu kämpfen, dass wir nicht immer wussten, was genau eure Absicht ist. Wir haben am Vatertag, auf dem Schützenfest und in der Bude mit euch gesprochen, wir haben euch immer reingelassen. Aber manchmal war uns nicht klar, was von dem, was wir sagen und tun, veröffentlicht wird. Da bekommt man natürlich schnell Angst, nachher in einem schlechten Licht dazustehen.“

Michael Horstmann, Metallbauer

»Oft berichten Medien negativ. Manchmal denke ich, nur so können sie ihr Geld verdienen. Deshalb hatte ich Angst. Zum Beispiel davor, dass die Journalistenschüler die Jugendlichen an einem Tag erwischen, wo die sich einen hinter die Binde gießen, und dann schreiben, die Dorfjugend saufe nur und habe kein Ziel.«

Hans Geerswilken, Bürgermeister

„Wir haben Sie gerne ins Schützenheim gelassen – wir haben ja schließlich nichts zu verbergen. Wir sind mit dem Dorfleben und seinen Traditionen ja aufgewachsen. Da wundert man sich schon, wenn Sie zu uns kommen und uns betrachten, als seien wir etwas Besonderes. Für Sie war das ja Neuland. Da haben wir schon manchmal am Abendbrottisch zusammen gesessen, und uns gefragt: Was wollen die eigentlich? Aber wenn wir in der Stadt sind, laufen wir ja auch staunend durch die Straßen und machen Fotos. Und nun, da Sie wieder weg sind, geht eben unser normales Leben weiter.“

Martin Schmitz, 150. Schützenkönig

»Durch meinen Schal-Weltrekord hatte ich ja bereits Erfahrung mit der Presse. Natürlich könnte man denken, die ziehen das ins Lächerliche, dass ich den längsten Schal der Welt gestrickt habe, aber ich habe eine gute Menschenkenntnis und bei diesen jungen Leuten war ich mir sicher, dass das passt. Man erkennt Journalisten eigentlich sofort, an der Art und Weise, wie sie reden und Fragen stellen. Sehr konkret und pointiert.«

Claudia Nieters, Hofladenbetreiberin

»Ich bin Bäuerin, wir mästen Schweine – viele Journalisten mögen Leute wie mich nicht, und ich war deshalb erst einmal skeptisch. Meine Meinung änderte sich dann aber. Die Reporter waren offen und direkt – keine Städter in Anzug mit Schlips, sondern ganz normale Leute, die uns auf Augenhöhe begegnet sind.«

Veronika Lübbers, Bäuerin